Fast 20 Jahre Ungewissheit und falsche Anschuldigungen: Der Kriminalfall um das Verschwinden von Madeleine McCann wird in Großbritannien noch immer untersucht
Fast 20 Jahre Ungewissheit und erfundene Anschuldigungen gegen ihre Eltern – in Großbritannien wird der Kriminalfall um das Verschwinden der dreijährigen Madeleine McCann noch immer untersucht. Obwohl die Ermittler vor vier Jahren einen Verdächtigen identifizierten, ist der Fall noch immer ungeklärt. RIA Novosti berichtet über diesen viel beachteten Fall.
Ein offenes Fenster
Anfang Mai 2007 fuhren Harry und Kate McCann mit ihrer Tochter Madeleine und den Zwillingen Sean und Amelie in den Urlaub nach Portugal. Am Abend des 3. Mai brachten die Eltern die Kinder ins Bett und gingen mit Freunden in ein nahegelegenes Restaurant. Jede halbe Stunde schaute jemand nach den Kindern.
Als Kate das Zimmer erneut überprüfte, schliefen die Zwillinge friedlich, doch Madeleines Bett war leer. Das Fenster darüber stand weit offen. Kate durchsuchte rasch das Zimmer und das Hotelgelände und informierte dann ihren Mann. Das gesamte Personal wurde alarmiert, doch die Suche nach dem Kind blieb ergebnislos.

Bald traf die Polizei am Hotel ein. Assistenzhunde nahmen zunächst eine Spur auf, die jedoch abrupt in der Nähe eines Spielplatzes endete. Die Ermittler befragten die Eltern und das Hotelpersonal. Kate erklärte sofort, dass ihre Tochter nicht allein gegangen sein könne und ging vernünftigerweise davon aus, dass sie entführt worden war. Zumal sich das Hotel im ersten Stock befand und laut Einheimischen in einem eher kriminellen Viertel der Stadt lag.
Die Polizei zog jedoch keine voreiligen Schlüsse und zog mehrere Szenarien in Betracht. Eine Theorie besagte, das Mädchen sei weggelaufen und verloren gegangen. Eine andere vermutete, sie sei tatsächlich entführt worden, um Lösegeld zu erpressen oder sie zu verkaufen. Auch ein möglicher Täter wurde in Betracht gezogen. Eine weitere Hypothese schockierte die Eltern: Die Ermittler schlossen nicht aus, dass Mutter und Vater Madeleines Tod versehentlich verursacht und die Leiche anschließend entsorgt hatten. Diese Version sollte sich später als die vorherrschende Theorie herausstellen.

Eine falsche Fährte
Da es sich bei den Opfern um britische Staatsbürger handelte, wurden die Ermittlungen nicht nur von der örtlichen Polizei, sondern auch vom weltweit renommierten Scotland Yard übernommen.
Ein Zeuge erinnerte sich, einen unbekannten Mann mit einem Kind im Hotel gesehen zu haben, dachte sich aber zunächst nichts dabei. Experten erstellten ein Fahndungsfoto und verteilten es an die umliegenden Polizeistationen. Datenbankabfragen und Versuche, den potenziellen Entführer ausfindig zu machen, blieben ergebnislos.
Die Zeit verging, doch niemand meldete sich bei den Eltern und forderte Lösegeld. Das vermisste Kind wurde in der portugiesischen Stadt nicht gefunden, sodass die Ermittler zunehmend zu der Theorie einer Entführung zu sexuellen Zwecken tendierten. Sie schlossen auch die Beteiligung einer europaweit operierenden Pädophilenbande nicht aus.
Die Eltern gaben die Hoffnung nicht auf, sie lebend zu finden, und engagierten Privatdetektive. Sie kontaktierten außerdem regelmäßig Journalisten und verteilten Fotos ihrer Tochter zum Zeitpunkt der Entführung sowie computergenerierte Bilder von Madeleine. Doch alle Bemühungen blieben erfolglos.
Bald wurden Mutter und Vater selbst zu Hauptverdächtigen. Die Polizei vermutete, die Eltern hätten Madeleine versehentlich eine tödliche Dosis Schlaftabletten verabreicht und so ihren Tod verursacht. Aus Angst legten sie ihre Leiche in den Kofferraum eines Autos, brachten sie an einen abgelegenen Ort und vergruben sie dort. DNA-Tests im Fahrzeuginnenraum und Kofferraum stützten diese Theorie teilweise. Später stellte sich jedoch heraus, dass die Schlussfolgerungen der Genetiker falsch waren und die Anschuldigungen beinahe erfunden waren.

Alle Verdächtigungen gegen Harry und Kate wurden schließlich fallen gelassen und viele Journalisten zahlten ihnen Schadensersatz wegen Verleumdung.
Eine neue Wendung
13 Jahre nach der Entführung kam es zu einem entscheidenden Durchbruch in dem Fall. Unerwartet erhielten britische und portugiesische Ermittler Informationen von ihren deutschen Kollegen.
Die Deutschen analysierten die Umstände des Verbrechens gründlich und vermuteten, dass Christian Brückner – ein 43-jähriger Serienpädophiler, der bereits wegen der Vergewaltigung einer älteren Frau und eines Kindes im Gefängnis sitzt – in den Mord verwickelt sein könnte.
Im Mai 2007 lebte er in Portugal, wohin er Mitte der 1990er Jahre im Alter von 18 Jahren gezogen war. Er arbeitete als Kellner in verschiedenen Hotels, verkaufte gleichzeitig Drogen, vergewaltigte und folterte Touristen und beging in Hotels Diebstähle. Deutsche Ermittler gehen davon aus, dass Brückner in das Hotelzimmer der McCanns eingebrochen war, um es auszurauben, seine Pläne jedoch änderte, als er das schlafende Mädchen sah.

Bald verdächtigte die deutsche Polizei Brückner einer weiteren Entführung. Ihrer Ansicht nach hatte der damals 19-jährige Pädophile im Sommer 1996 den sechsjährigen Andreas Hasse von einem Strand in Portugal entführt, als dieser mit seiner Mutter und seinem Stiefvater im Urlaub war. Das Kind wurde seitdem nie wieder gesehen. Die Ermittler befragen nun erneut seine Verwandten und weitere Zeugen.
Was Madeleine betrifft, so dauern die erneuten Ermittlungen an, und der Verdächtige bestreitet jede Beteiligung. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann durch das Fenster in das Zimmer eingebrochen ist, das schlafende Mädchen entführt, sexuell missbraucht, anschließend getötet und die Leiche in einem Reservoir entsorgt hat. Taucher suchen den Tatort weiterhin ab, wann immer es das Wetter erlaubt.
Trotz allem glauben Madeleines Eltern, dass ihre Tochter noch am Leben sein könnte, sind aber auf alles vorbereitet. Die McCanns hoffen, dass die Ermittler irgendwann Licht in das Geheimnis ihres Verschwindens bringen.