Christi Blick trifft uns von der Seite, schwer von Trauer, sein Haupt geneigt, von einem Heiligenschein umgeben, als schwebe er zwischen dieser und der nächsten Welt. Zuerst zucken wir mitfühlend zusammen angesichts des Blutes, das wie Tränen aus der Dornenkrone rinnt. Doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich subtile Details – die ringförmige Struktur seiner Augen, der fingerabdruckartige Wirbel auf seiner Nasenspitze. Unsere Aufmerksamkeit wandert zu den Rändern des Bildes, wo Kurven sich wie Wellen eines über das Wasser hüpfenden Steins nach außen wölben. Und dann erkennen wir das Unmögliche: Dieser gesamte Kupferstich wurde mit einer einzigen, durchgehenden Linie geschaffen.

Claude Mellan (1598–1688), geboren in einer Kupferschmiedefamilie in Nordfrankreich, wurde in Rom von Simon Vouet ausgebildet, bevor er 1649 sein Meisterwerk schuf. Mit der sogenannten „Wölbungslinie“ nutzte Mellan die asymmetrische Form des Stichels, um die Linienbreite zu variieren, ähnlich dem wechselnden Strich einer Füllfeder. Durch Drehen des Werkzeugs oder Erweitern einer vorhandenen Rille erzeugte er Tiefe, Tonwert und Textur in einer einzigen, ununterbrochenen Linie, die er direkt in eine Metallplatte ätzte. Obwohl die Gravur bereits um 1430 in Deutschland aus der Metallverarbeitungstradition hervorgegangen war, erlangten Wölbungslinien erst nach 1560 größere Bedeutung. Laut den Kuratoren der RISD eignete sich die Methode hervorragend, um dramatisches Licht, Tonwerteffekte und die heroischen Übertreibungen der Spätrenaissance und des Manierismus einzufangen. Mellan wandte sie jedoch an, um eine andere Ausstrahlung darzustellen – den heiligen Nachglanz sakraler Reliquien.

Das Werk ist nach dem Schweißtuch der heiligen Veronika benannt, das der Legende nach das Bildnis Christi trug, als sie ihm auf Golgatha das Gesicht abtrocknete. Wie das Turiner Grabtuch oder das Bildnis von Manoppello ist auch Veronikas Schleier eine Acheiropoieta – „nicht von Menschenhand geschaffen“. Mellans Kupferstich fängt eine ähnliche Intimität ein: Obwohl er von Menschenhand gefertigt wurde, weckt er das Gefühl einer unmittelbaren Verbindung zu Christus. Roland Barthes verglich den wundersamen Eindruck auf Veronikas Schleier bekanntlich mit der Fotografie und bemerkte seine „auferstehungsähnliche“ Qualität; in Mellans Händen, Jahrhunderte vor der Fotografie, erreicht der Kupferstich ein vergleichbares Gefühl des Staunens. Um eine spiralförmige, durchgehende Linie herum konstruiert, wird er sowohl zu einem visuellen Wunder als auch zu einer spirituellen Meditation.
Der Kunsthistoriker Irving Lavin beschreibt die fesselnde Wirkung: Das Verfolgen der Windungen von Mellans Spirale zieht den Betrachter unweigerlich in einen Zustand der Faszination und Besessenheit, verloren in der tiefen Schönheit des Bildes. Mellans eigene Inschrift deutet auf die vielschichtige Bedeutung des Werkes hin: FORMATVR VNICVS VNA / NON ALTER („das Einzigartige, von einem geschaffen / wie kein anderes“). Hier schwingt das „Einzige“ auf drei Ebenen mit: der Einzigartigkeit Christi, der unnachahmlichen Aura des Schleiers und der ununterbrochenen Linie, die den Kupferstich selbst bildet.
Mellans Werk bleibt ein atemberaubendes Zeugnis technischer Meisterschaft und kontemplativer Tiefe: ein ganzes Antlitz Christi, realisiert mit einer einzigen, ununterbrochenen Linie, das die Brücke zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen schlägt.