Rosa von Praunheim war weit mehr als nur ein Name in der deutschen Kulturszene. Er war eine Stimme, die aufrüttelte, provozierte und die Wahrnehmung von Sexualität und Identität in Deutschland grundlegend veränderte. Am 17. Dezember 2025 starb der Filmemacher, Autor und Aktivist im Alter von 83 Jahren in Berlin. Sein Tod markiert das Ende einer Ära – einer Ära, in der Mut zur Offenheit und künstlerische Radikalität soziale Tabus herausforderten und die Gesellschaft nachhaltig beeinflussten.
Geboren wurde Rosa von Praunheim 1942 als Holger Radtke in Riga, inmitten des Zweiten Weltkriegs. Seine frühe Lebensgeschichte war von Verlust und Neuanfang geprägt: Nach dem Tod seiner leiblichen Mutter wuchs er im Westen Deutschlands bei Adoptiveltern auf. Schon früh entwickelte er ein Gespür dafür, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen. Er wollte nicht nur Künstler sein, sondern mit seinem Werk etwas in der Welt bewegen.
Sein Künstlername trägt Symbolkraft. „Praunheim“ verweist auf einen Stadtteil Frankfurts, in dem er aufwuchs, und das Wort „Rosa“ ist ein direkter Verweis auf den rosa Winkel, das Kennzeichen, das Homosexuelle in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern tragen mussten. Schon in der Wahl seines Namens zeigte sich: Dieser Mensch wollte nicht unbemerkt bleiben.
In den 1960er und 1970er Jahren begann von Praunheim Filme zu drehen, die alles andere als konventionell waren. Sein Stil war wild, bunt, manchmal grotesk – aber immer ehrlich. Er nutzte die Kamera nicht nur als technisches Werkzeug, sondern als Waffe gegen Ignoranz und gesellschaftliche Blindheit. Sein Film „Die Bettwurst“ brachte ihm ersten Kultstarstatus ein, doch der eigentliche Durchbruch gelang ihm mit einer Dokumentation, die nicht nur Filmkritiker, sondern die gesamte Öffentlichkeit aufhorchen ließ. Der provokante Titel dieses Werkes stellte eine klare Botschaft dar: Nicht der homosexuelle Mensch sei pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt. Dieser Satz wurde zum Meilenstein der deutschen Film- und Kulturgeschichte.

Die Reaktionen auf seine Filme reichten von enthusiastischer Zustimmung bis zu offener Ablehnung. Für einige war von Praunheim ein Provokateur ohne Rücksicht auf Tradition und Moral, für andere ein unbequemer, aber notwendiger Mahner, der genau dort sprach, wo es weh tat. Er nahm kein Blatt vor den Mund, und das machte ihn einzigartig. Seine Arbeiten behandelten nicht nur Homosexualität, sondern widmeten sich auch Themen wie Aids, Queer Pride, queerer Identität und der Rolle des Individuums in einer sich wandelnden Welt.
In den 1980er Jahren, als die Aids-Krise Deutschland und die Welt erschütterte, nutzte von Praunheim seine künstlerische Stimme, um auf die Notlage der Betroffenen aufmerksam zu machen und für eine offenere, solidarischere Gesellschaft zu werben. Seine Werke aus dieser Zeit – oft als „Aids-Trilogie“ bezeichnet – begleiteten Debatten, die zuvor im Dunkeln geführt wurden, und trugen dazu bei, Stigmatisierung sichtbar zu machen und zu bekämpfen.
Doch von Praunheim war nicht nur Filmemacher – er war untrennbar mit der politischen Bewegung für LGBTQ+-Rechte verbunden. In Deutschland, zu einer Zeit, als Homosexualität juristisch verfolgt und gesellschaftlich tabuisiert war, schuf er Plattformen für Sichtbarkeit und Öffentlichkeit. Seine Filme gaben Menschen, die jahrzehntelang am Rande standen, ein Gesicht; sie gaben Themen eine Bühne, die zuvor im Verborgenen geblieben waren. Viele Aktivisten sehen in ihm eine der Schlüsselfiguren des queeren Aufbruchs in Deutschland.
Mit dem Beginn der 1990er Jahre sorgte von Praunheim erneut für Aufsehen, als er in einer Fernsehsendung zwei prominente Persönlichkeiten der deutschen Medienlandschaft öffentlich mit ihrer Homosexualität konfrontierte. Diese Aktion wurde kontrovers diskutiert – einige sahen darin einen wichtigen Schritt zur Sichtbarkeit, andere kritisierten die Art und Weise. Wie alle radikalen Aktionen seines Lebens polarisierte auch diese: Sie zeigte, dass von Praunheim nie vor Konfrontation zurückschreckte.
Sein künstlerisches Schaffen war nicht eindimensional. Neben seinen politisch motivierten Dokumentationen und Aktivismusprojekten entwickelte er auch Spielfilme, experimentelle Werke, autobiografische Projekte und Geschichten, die sich mit der Gesellschaft insgesamt auseinandersetzten. Er verstand es, Humor und Tragik, Kunst und Provokation, Ernsthaftigkeit und Ironie zu verbinden – und genau dieser Mix machte sein Werk so unverwechselbar.
Seinen Einfluss spürte man nicht nur im Kino, sondern auch in der Popkultur, in politischen Debatten, im sozialen Leben und im täglichen Diskurs über Identität, Freiheit und Selbstbestimmung. Die Vorstellung, dass Kunst nicht nur unterhalten, sondern auch aufklären und verändern kann, war für ihn kein theoretischer Gedanke, sondern gelebte Praxis.

In den letzten Jahren seines Lebens blieb von Praunheim produktiv. Er blieb aktiv in der Filmszene, auf Festivals, bei Diskussionen und kulturellen Veranstaltungen. Sein autobiografischer Film, der 2025 Premiere auf der Berlinale feierte, zeigte noch einmal seine unverwechselbare Handschrift – ein Mix aus Lebensreflexion, Kritik und künstlerischer Provokation.
Nur wenige Tage vor seinem Tod gab es einen Moment der Freude und des persönlichen Glücks im Leben des Filmemachers: Er heiratete seinen langjährigen Lebenspartner, mit dem er viele Jahre seines Lebens geteilt hatte. Diese Hochzeit, gefolgt von seinem überraschenden Tod nur kurze Zeit später, hinterlässt bei Familie, Freund*innen, Weggefährten und Fans ein Gefühl von Wehmut und tiefer Trauer.
Nach seinem Tod meldete sich seine Wahlfamilie zu Wort und würdigte ihn als „schamlos neugierigen, unendlich einfühlsamen und grenzenlos liebenden Menschen“. Politiker, Künstler, Aktivist*innen und viele Menschen aus der Gesellschaft äußerten ihren Respekt und ihre Dankbarkeit. Viele betonten, dass Deutschland und auch die globale LGBTQIA+-Gemeinschaft ohne sein Lebenswerk heute ein ganz anderes Gesicht hätten.
Der Bundespräsident und andere politische Persönlichkeiten stellten heraus, wie sehr von Praunheims Arbeit nicht nur Kunst, sondern gesellschaftliche Wirklichkeit verändert hat. Seine Filme und seine Aktivität trugen dazu bei, dass Diskussionen über Liebe, Sexualität und Freiheit dort geführt wurden, wo sie zuvor tabuisiert waren. Diese Gespräche haben Generationen geprägt.
Auch seine Zeitgenossen aus der Filmwelt und der queeren Community drückten ihre Trauer und ihren Respekt aus. Viele nannten ihn eine Ikone, andere einen Pionier, einige sogar einen Wegbereiter einer Bewegung, die heute selbstverständlicher geworden ist, aber ohne seine Arbeit vielleicht nie diesen Mut zur Öffentlichkeit gefunden hätte.
Der Nachlass von Rosa von Praunheim wird nicht nur in Kinosälen, sondern vor allem im kollektiven Gedächtnis weiterleben. Seine Filme werden weiterhin gezeigt, analysiert, diskutiert und als Zeugnisse einer Zeit gelesen, in der Mut und Kunst Hand in Hand gingen, um gesellschaftliche Schranken zu überwinden.
Heute, nach seinem Tod, erkennen viele, dass seine Bedeutung weit über die Grenzen der queeren Community hinausreicht: Sie betrifft Fragen der Menschlichkeit, der Freiheit, des künstlerischen Ausdrucks und der Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Normen.
Rosa von Praunheim hat ein Leben gelebt, das so einzigartig war wie seine Filme – schrill, unbequem, bewegend und notwendig. Er hat nicht nur Kino geschaffen, sondern den Weg für Stimmen bereitet, die zuvor zum Schweigen verurteilt waren. Sein Leben bleibt ein Lehrstück über die Kraft der Kunst und die Bedeutung des Engagements für eine offene, vielfältige und freie Gesellschaft.