Es gibt Kunstfiguren, die so tief in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation eingegangen sind, dass man sich die Kulturlandschaft ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Eine dieser ganz großen, unvergesslichen Ikonen ist Lilo Wanders. Hinter der perfekt sitzenden, platinblonden Perücke, dem dramatischen Make-up und den eleganten Kleidern verbirgt sich der schillernde Geist von Ernie Reinhardt. Der inzwischen 70-jährige Künstler hat nun in einem zutiefst emotionalen und ehrlichen Rückblick die Türen zu seiner bewegten Vergangenheit geöffnet und spricht so offen wie selten zuvor über den harten, oft schmerzhaften Weg, der ihn aus der tiefsten niedersächsischen Provinz direkt in den Olymp der deutschen Unterhaltungskunst führte. Es ist eine Lebensgeschichte, die von unbändigem Mut, gesellschaftlichen Tabubrüchen und dem ewigen Kampf um absolute Selbstbestimmung geprägt ist. Aufgewachsen in einer Zeit, in der das Thema Homosexualität und Travestie in der breiten Öffentlichkeit noch mit harten Vorurteilen und eisigem Schweigen gestraft wurde, spürte der junge Ernie schon früh, dass er nicht in das starre Korsett der dörflichen Normalität passte. Der Drang nach Freiheit und kreativer Entfaltung zog ihn schließlich weg aus der Enge der Heimat hinein in das pulsierende, wilde Leben der Großstadt. Doch der Durchbruch flog ihm keineswegs einfach so zu. Es folgten harte Jahre des Suchens, des Zweifelns und der ständigen Neuerfindung auf den kleinen, verrauchten Off-Bühnen des Landes. Die Geburtsstunde der Kultfigur, die später unter dem Namen Lilo Wanders Berühmtheit erlangen sollte, schlug schließlich auf der legendären Hamburger Reeperbahn. Gemeinsam mit engen Weggefährten gründete er das Schmidt Theater im Herzen von St. Pauli, einen Ort der absoluten kreativen Anarchie, der die deutsche Theaterlandschaft für immer revolutionieren sollte. Hier, im grellen Scheinwerferlicht des Kiez, verschmolz der Schauspieler immer mehr mit seiner exzentrischen Kunstfigur. Als scharfzüngige, aber stets hochgradig charmante Theaterleiterin eroberte er die Herzen des Publikums im Sturm. Der ganz große, bundesweite Durchbruch kam jedoch erst mit einem Fernsehformat, das Fernsehgeschichte schreiben sollte.

Als Gesicht der Aufklärungssendung Wa(h)re Liebe brachte die Moderatorin ab Mitte der 1990er Jahre Themen wie Sexualität, Erotik und unkonventionelle Lebensentwürfe in die deutschen Wohnzimmer – und das völlig ohne Scham, sondern mit einer bis dato ungekannten Mischung aus Eleganz, fundiertem Wissen und humorvoller Leichtigkeit. Doch dieser immense Erfolg hatte auch seine Schattenseiten. Das ständige Leben im Rampenlicht und die permanente Verwandlung forderten einen hohen Tribut vom Privatleben des Künstlers. Ernie Reinhardt gesteht im Rückblick offen, wie extrem kräftezehrend es über all die Jahrzehnte hinweg war, die Balance zwischen der lauten, schillernden Kunstfigur und dem privaten, eher zurückhaltenden Menschen hinter den Kulissen zu wahren. Oftmals wurde die scharfzüngige Entertainerin von der Außenwelt völlig missverstanden oder auf ein reines Klischee reduziert. Heute, mit der Reife und der Gelassenheit des Alters, blickt der 70-Jährige mit einer tiefen, inneren Zufriedenheit auf das Erreichte zurück. Er hat gesellschaftliche Mauern eingerissen, die für unbezwingbar gehalten wurden, und Generationen von Menschen den Mut geschenkt, zu ihrer eigenen Identität zu stehen. Auch wenn die ganz großen Zeiten im Fernsehen der Vergangenheit angehören, ist die Leidenschaft für die Bühne und das Rampenlicht noch immer nicht erloschen. Die Ikone steht nach wie vor im Leben, tourt mit eigenen Programmen durch das Land und genießt die intimen Momente mit dem Publikum, das ihr bis heute die Treue hält. Es ist das stolze Fazit eines Mannes, der sich niemals verbiegen ließ und bewiesen hat, dass man mit Authentizität und unbändigem Willen jede Hürde im Leben meistern kann.