Es war ein Abschied, den sich Barbara Rudnik offenbar ganz anders gewünscht hatte, als man es bei einer bekannten Schauspielerin erwarten würde. Keine große öffentliche Zeremonie, никакой Inszenierung, kein Abschied vor Kameras. Die Schauspielerin wollte ihren letzten Weg im kleinen Kreis gehen.
Doch als sich am 29. Mai 2009 auf dem Münchner Nordfriedhof die Türen der Trauerhalle öffneten, wurde deutlich, wie viele Menschen diese Frau tatsächlich berührt hatte.
Kollegen, Freunde und Weggefährten waren gekommen. Unter ihnen befanden sich bekannte Namen aus der deutschen Film- und Fernsehbranche: Hannelore Elsner, Uschi Glas, Michaela May, Katja Flint, Udo Wachtveitl, Heio von Stetten, Doris Dörrie und Produzent Bernd Eichinger. Rund hundert bis 130 Trauergäste erwiesen Rudnik die letzte Ehre.
Dabei lag der Tod der Schauspielerin erst wenige Tage zurück.
Barbara Rudnik war am 23. Mai 2009 im Alter von nur 50 Jahren gestorben. Sie hatte über Jahre gegen Brustkrebs gekämpft. Erst 2008 hatte sie öffentlich über ihre Erkrankung gesprochen.
Für viele Menschen, die sie aus Film und Fernsehen kannten, war die Nachricht kaum zu begreifen.
Denn Rudnik war keine Schauspielerin, die sich früh aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte. Im Gegenteil: Sie arbeitete bis in ihre letzten Lebensjahre, übernahm anspruchsvolle Rollen und blieb dem Publikum vertraut.
Ihr Durchbruch gelang ihr Anfang der 1980er-Jahre. Danach folgten zahlreiche Rollen in Kino und Fernsehen. Sie spielte unter anderem in „Der Sandmann“, „Der Campus“, „Polizeiruf 110“, „Tatort“ und „SOKO 5113“. Auch in „Keinohrhasen“ war sie zu sehen.
Doch ihre Karriere war nur ein Teil der Geschichte.
Denn diejenigen, die Barbara Rudnik persönlich kannten, erinnerten sich vor allem an ihre besondere Energie.
Michael Mendl, einer ihrer Kollegen und Freunde, beschrieb sie bei der Trauerfeier als eine Frau voller Optimismus, Lebensfreude und Begeisterung für ihren Beruf. Er betonte, wie stark und aufrecht sie gewesen sei.
Auch Uschi Glas fand kaum Worte für ihren Verlust. Sie bezeichnete ihren Tod als unbegreiflich und viel zu früh. Hannelore Elsner sprach von einem tiefen Schmerz.
Doch dann geschah bei der Trauerfeier etwas, das besonders gut zu Barbara Rudnik passte.
Es erklang Musik.
Nicht irgendeine Musik.
Die Schauspielerin hatte sich noch zu Lebzeiten selbst gewünscht, dass bei ihrer Beisetzung die „Ersten Bayerischen FilmFoniker“ spielen würden. Rudnik gehörte diesem Orchester aus Hobby-Musikern der Film- und Fernsehbranche selbst an und spielte dort Akkordeon.
Rund 30 Musiker erfüllten ihren letzten Wunsch.
Neben einem Werk von Johann Sebastian Bach wurde auch eine Bearbeitung der Filmmusik aus Dani Levys Komödie „Alles auf Zucker!“ gespielt. Gerade dieser Wunsch wirkte wie ein letztes Zeichen ihrer Persönlichkeit: selbst in einem Moment des Abschieds sollte Musik erklingen, die nicht ausschließlich traurig war.
Während draußen vor der Trauerhalle einige Fans auf die Schauspielerin warteten, blieb die Zeremonie selbst den geladenen Gästen vorbehalten.
Die Familie hatte ausdrücklich um einen Abschied im kleinen Kreis gebeten.
Doch die Anteilnahme war groß.
Menschen, die Rudnik aus ihren Filmen kannten, wollten sich ebenfalls verabschieden. Einige Fans warteten vor der Halle, andere lauschten von außen. Eine Münchnerin brachte einen Strauß gelber Rosen mit und erzählte, sie habe alle ihre Filme gesehen.
Dann wurde der Sarg hinausgetragen.
Er war mit weißen und rosafarbenen Pfingstrosen geschmückt. Hinter ihm gingen die Trauergäste gemeinsam zur Grabstätte. Zwischen den bunten Blumenblättern und den Kränzen wurde die letzte Ruhestätte der Schauspielerin vorbereitet.
Für viele war dieser Moment endgültig.
Doch hinter den Bildern von Kollegen und Freunden verbarg sich eine noch viel persönlichere Geschichte.
Die vielleicht schmerzlichste Erinnerung an Barbara Rudnik betrifft ihre Mutter Margot.
Nur wenige Tage vor ihrem Tod hatte die Schauspielerin noch mit ihr telefoniert.
Und bei diesem Gespräch soll Barbara ihrer Mutter etwas gesagt haben, das sich für immer in deren Gedächtnis eingebrannt hat.
Sie wollte nicht, dass ihre Mutter sie in ihrem zunehmend schlechten gesundheitlichen Zustand sieht.
Barbara bat sie, sich an sie so zu erinnern, wie sie gewesen war.
Nicht krank.
Nicht schwach.
Sondern als die Frau, die sie immer gekannt hatte.
Für eine Mutter muss dieser Satz kaum auszuhalten gewesen sein.
Denn wenige Tage später war ihre Tochter tot.
Margot Rudnik war damals 82 Jahre alt. Sie berichtete, dass Barbara sie gebeten habe, nicht mehr zu ihr zu kommen, weil die Krankheit inzwischen so schlimm geworden sei. Ihre Tochter habe gewollt, dass sie das frühere Bild von ihr im Herzen behält.
Genau diese Bitte verleiht dem Abschied im Münchner Nordfriedhof eine besondere Tragik.
Denn Barbara Rudnik hatte offenbar bis zuletzt selbst bestimmt, wie sie in Erinnerung bleiben wollte.
Nicht über ihre Krankheit.
Nicht über ihren Tod.
Sondern über ihr Leben.
Über ihre Arbeit.
Über ihre Lebensfreude.
Über die Musik.
Und über die Menschen, die ihr wichtig waren.
Ihre Karriere hatte sie aus einfachen Verhältnissen bis in die erste Reihe des deutschen Films geführt. 1976 kam sie nach München, später wurde sie an der Hochschule für Fernsehen und Film entdeckt und begann ihre Schauspielausbildung. 1982 gelang ihr der Durchbruch.
Im Laufe der Jahre wurde sie zu einer angesehenen Charakterdarstellerin.
Sie spielte starke Frauen, komplexe Figuren und Ermittlerinnen. Für „Der Sandmann“ erhielt sie 1996 den Adolf-Grimme-Preis, später wurde sie mit der Goldenen Kamera als beste deutsche Schauspielerin ausgezeichnet.
Doch trotz ihres Erfolges blieb sie offenbar jemand, der auch abseits des Rampenlichts seine eigenen Interessen pflegte.
Das Akkordeon und die FilmFoniker waren dafür ein Beispiel.

Dort war sie nicht der große Fernsehstar.
Sie war einfach Barbara.
Eine Musikerin unter Freunden.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum sie sich diese Musik für ihren Abschied wünschte.
Die Trauerfeier dauerte etwa eine Stunde. Danach begleiteten die Gäste den Sarg zur Grabstätte. Unter den Anwesenden waren zahlreiche Menschen, die mit Rudnik gearbeitet hatten und sie über viele Jahre kannten.
Für die deutsche Filmbranche war es ein schwerer Verlust.
Für ihre Familie war es etwas noch viel Persönlicheres.
Und für ihre Mutter blieb vor allem dieser eine letzte Wunsch.
Barbara wollte, dass man sich an sie erinnert, wie sie gewesen war.
Stark.
Lebensfroh.
Voller Energie.
Eine Frau, die trotz ihrer schweren Erkrankung offenbar nicht zulassen wollte, dass ihre Krankheit das Bild bestimmt, das andere von ihr behalten würden.
Und genau deshalb war ihr Abschied trotz aller Trauer ungewöhnlich persönlich.
Die Musik spielte.
Die Blumen bedeckten den Sarg.
Freunde und Kollegen weinten.
Und irgendwo zwischen den traurigen Akkordeonklängen und den Erinnerungen an ihre Filmrollen wurde sichtbar, was Barbara Rudnik offenbar am wichtigsten war: Nicht der Tod sollte ihre Geschichte erzählen, sondern das Leben, das sie davor geführt hatte.
Erst ganz am Ende wurde deutlich, wie persönlich ihr letzter Wunsch tatsächlich gewesen war.
Nicht ihre Mutter sollte die schwersten Bilder ihrer letzten Tage mit sich tragen.
Barbara hatte ihr etwas anderes hinterlassen.
Eine Erinnerung an die Frau, die sie einmal war.
Und vielleicht war genau das ihr letzter, stiller Abschied.