Bill und Tom Kaulitz: Von Teenie-Stars, die von Fans verfolgt wurden, zu Netflix-Stars – doch der Preis des Ruhms war viel höher

Es begann mit vier Jugendlichen aus der Nähe von Magdeburg. Sie waren kaum alt genug, um zu verstehen, was auf sie zukommen würde. Sie machten Musik, trugen auffällige Kleidung und träumten vermutlich davon, eines Tages vor einem größeren Publikum aufzutreten.

Was dann geschah, übertraf jedoch alles, was sie sich hätten vorstellen können.

Innerhalb kürzester Zeit wurden Bill und Tom Kaulitz zu zwei der bekanntesten Jugendlichen Deutschlands. Mädchen kreischten vor Konzerten, Fernsehsender wollten sie unbedingt vor der Kamera haben und ihr Name war plötzlich überall zu lesen.

Doch der große Traum vom Ruhm hatte eine Seite, über die damals nur wenige sprachen.

Denn während Millionen Fans Tokio Hotel feierten, verloren die beiden Brüder etwas, das für andere Jugendliche völlig selbstverständlich war: ihre Freiheit.

Heute sind Bill und Tom Kaulitz längst erwachsene Männer. Sie leben seit Jahren in Los Angeles, arbeiten weiterhin gemeinsam an Musik und gehören inzwischen sogar zu den Stars einer Netflix-Realityserie. Ihr Leben wirkt heute glamourös, international und selbstbestimmt.

Doch die Geschichte hinter diesem Leben beginnt viel früher – und sie war nicht immer so glanzvoll.

Im Jahr 2001 gründeten vier Jungen aus der Region Magdeburg eine Band. Bill und sein Zwillingsbruder Tom waren dabei die jüngsten Mitglieder. Gemeinsam mit Gustav Schäfer und Georg Listing entwickelten sie sich zunächst unter dem Namen „Devilish“ musikalisch weiter.

Die entscheidende Veränderung kam, als ein Musikmanager auf die Jugendlichen aufmerksam wurde.

Plötzlich öffneten sich Türen, die zuvor unerreichbar schienen.

2005 erschien „Durch den Monsun“. Der Song wurde zu einem riesigen Erfolg und katapultierte Tokio Hotel praktisch über Nacht an die Spitze der deutschen Musiklandschaft. Die Zwillinge waren zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 15 Jahre alt.

Für Bill und Tom änderte sich damit alles.

Bill wurde mit seinen langen, schwarzen Haaren, Make-up und seinem außergewöhnlichen Stil zum Mittelpunkt der Band. Tom fiel mit seinen Dreadlocks und seinem lässigen Hip-Hop-Look auf. Zusammen bildeten die Zwillinge ein ungewöhnliches Duo, das kaum mit anderen deutschen Nachwuchsstars vergleichbar war.

Die Band wurde nicht nur erfolgreich – sie wurde zu einem Phänomen.

Tokio Hotel eroberte nicht nur Deutschland, sondern auch andere Länder. Die deutschen Songs wurden international bekannt, Musikvideos liefen auf großen Musiksendern und die vier Jugendlichen erhielten zahlreiche Auszeichnungen.

Doch je größer der Erfolg wurde, desto kleiner wurde ihr privater Raum.

Fans warteten vor Häusern. Menschen verfolgten die Jugendlichen. Sicherheitsleute wurden zu einem festen Bestandteil ihres Alltags. Für Bill und Tom war es irgendwann kaum noch möglich, einfach auszugehen, spazieren zu gehen oder irgendwo einzukaufen.

Der Ruhm, von dem andere träumten, wurde für sie zunehmend zu einer Belastung.

Besonders Bill geriet dabei immer wieder ins Visier von Kritikern. Sein androgynes Auftreten, seine Kleidung und sein Make-up provozierten in einer Zeit, in der solche Bilder im deutschen Mainstream noch deutlich weniger akzeptiert waren. Er wurde gefeiert, aber gleichzeitig auch massiv angegriffen.

Die Brüder versuchten trotzdem weiterzumachen.

Tokio Hotel veröffentlichte weitere erfolgreiche Alben, ging auf Tour und wurde auch international immer bekannter. 2009 spielte die Band beispielsweise in 18 europäischen Ländern. Auf der Bühne wirkte alles perfekt.

Doch hinter den Kulissen wurde der Druck immer größer.

Die Zwillinge konnten kaum noch ein normales Leben führen. Sicherheitskräfte begleiteten sie, Fans belagerten ihre Häuser und die Grenze zwischen Star und Privatperson begann praktisch zu verschwinden.

Dann kam der Moment, der ihr Leben erneut verändern sollte.

2010 entschieden sich Bill und Tom, Deutschland zu verlassen und nach Los Angeles zu ziehen. Der Schritt war für viele Fans überraschend. Doch für die Brüder bedeutete er vor allem eines: Abstand.

In Los Angeles konnten sie plötzlich Dinge tun, die für andere Menschen völlig banal sind.

Einkaufen gehen.

Mit dem Hund spazieren.

Ins Kino gehen.

Auf der Straße unterwegs sein, ohne sofort von einer Menschenmenge umringt zu werden.

Bill beschrieb den Umzug später sinngemäß als eine Art Befreiung. Zum ersten Mal seit Jahren konnten die Brüder wieder ein Stück Normalität erleben.

Doch der Umzug bedeutete nicht das Ende von Tokio Hotel.

Im Gegenteil.

Die Band musste sich neu orientieren.

Das Publikum war älter geworden. Auch Bill und Tom waren nicht mehr die 15-jährigen Teenager aus „Durch den Monsun“. Ihr Stil veränderte sich, ihre Musik entwickelte sich weiter und die früheren riesigen Erfolge ließen sich nicht einfach wiederholen.

Für manche Fans war dieser Wandel schwierig.

Sie wollten den alten Bill zurück – den Teenager mit den schwarzen Haaren, dem auffälligen Make-up und der Stimme, die sie seit ihrer Jugend kannten.

Doch die Brüder wollten sich nicht in ihrer Vergangenheit festhalten lassen.

2014 erschien „Kings of Suburbia“, später folgte „Dream Machine“. Die Band experimentierte stärker mit elektronischen Klängen und arbeitete zunehmend unabhängig. Tom übernahm dabei eine wichtige Rolle bei der Produktion. Die Mitglieder waren längst nicht mehr die Kinder, die von einem Plattenlabel geführt wurden.

Und während Tokio Hotel musikalisch einen neuen Weg suchte, entstand rund um Bill und Tom ein zweites öffentliches Leben.

Die beiden wurden zu gefragten TV-Gästen, saßen in Jurys von Castingshows und entwickelten sich zu Persönlichkeiten, die längst nicht mehr ausschließlich mit Musik verbunden wurden.

Dann kam auch Toms Beziehung zu Heidi Klum ins Blickfeld der Öffentlichkeit.

2019 heiratete Tom das deutsche Topmodel und Moderatorin Heidi Klum. Damit rückte die Familie noch stärker ins Zentrum der deutschen und internationalen Medien. Bill und Heidi verstanden sich ebenfalls gut und traten immer wieder gemeinsam auf.

Doch trotz all dieser Veränderungen blieb eine Sache konstant:

Bill und Tom.

Die Zwillinge blieben eng miteinander verbunden. Sie arbeiteten zusammen, trafen sich regelmäßig und entwickelten weiterhin neue musikalische Projekte.

Und dann geschah etwas, womit viele Fans vielleicht nicht gerechnet hatten.

Die Brüder machten ihr Privatleben selbst zum Teil ihrer Karriere.

Netflix begleitete Bill und Tom über Monate und gab den Zuschauern einen Einblick in ihren Alltag zwischen Los Angeles, Deutschland, Musik, Familie, Partys und persönlichen Momenten. Die Realityserie „Kaulitz & Kaulitz“ zeigte eine Seite der beiden, die weit über die alte Tokio-Hotel-Geschichte hinausging.

Plötzlich konnten die Zuschauer sehen, wie unterschiedlich die Zwillinge inzwischen geworden waren.

Bill extravagant, experimentierfreudig und auf der Suche nach Liebe.

Tom deutlich ruhiger und stärker auf Familie und sein Leben mit Heidi Klum konzentriert.

Trotzdem lachen sie noch immer gemeinsam, arbeiten zusammen und wirken wie ein eingeschworenes Team.

Doch genau hier wird ihre Geschichte besonders interessant.

Denn wenn man die heutigen Bilder der beiden betrachtet, sieht man zwei erfolgreiche Männer, die in Los Angeles leben, Musik machen und auf Netflix zu sehen sind.

Was man leicht vergisst, ist ihr Alter, als alles begann.

Sie waren erst 15 Jahre alt, als „Durch den Monsun“ sie zu Stars machte.

Sie waren noch Kinder, als plötzlich Millionen Menschen ihre Namen kannten.

Und sie waren kaum erwachsen, als sie entschieden, Deutschland zu verlassen.

Der vielleicht überraschendste Teil ihrer Geschichte liegt deshalb nicht in ihrem heutigen Luxus oder in ihrer Netflix-Serie.

Er liegt in dem Grund, warum sie überhaupt nach Amerika gingen.

Sie flohen nicht einfach vor Deutschland.

Sie flohen vor einem Leben, in dem sie keinen Schritt mehr machen konnten, ohne beobachtet zu werden.

2010, nachdem sogar in ihr Haus eingebrochen worden war, zogen Bill und Tom nach Los Angeles. Dort fanden sie etwas, das ihnen der Ruhm genommen hatte: die Möglichkeit, wieder unbeobachtet durch einen Supermarkt zu gehen, mit ihren Hunden spazieren zu gehen oder einfach ins Kino zu gehen.

Und vielleicht erklärt genau das, warum die beiden bis heute so eng miteinander verbunden sind.

Sie haben gemeinsam erlebt, wie es ist, als Jugendliche alles zu bekommen, was man sich vorstellen kann – und gleichzeitig etwas ganz Einfaches zu verlieren.

Ein normales Leben.

Heute stehen sie wieder im Rampenlicht. Nur diesmal bestimmen sie selbst, was die Welt von ihnen sehen darf.

Aus den vier Jugendlichen von damals wurde eine internationale Band. Aus zwei Teenie-Stars wurden erwachsene Künstler. Und aus einer Geschichte über Tokio Hotel wurde schließlich eine Geschichte über zwei Brüder, die trotz weltweitem Ruhm immer wieder ihren eigenen Weg gesucht haben.

Vielleicht ist das die überraschendste Wendung ihres Lebens:

Bill und Tom Kaulitz wollten nie einfach nur berühmter werden. Sie wollten irgendwann wieder frei sein.

Und genau deshalb begann ihre zweite große Geschichte nicht auf einer Bühne in Deutschland – sondern tausende Kilometer entfernt, in Los Angeles.