Olivia Jones – vom Außenseiter zur Dragqueen-Ikone

Olivia Jones gehört heute zu den bekanntesten und auffälligsten Persönlichkeiten Deutschlands. Mit ihrer imposanten Erscheinung, den auffälligen Kostümen, dem starken Make-up und ihrer unverwechselbaren Art ist sie seit Jahrzehnten aus der deutschen Unterhaltungswelt kaum wegzudenken. Für viele ist sie einfach die berühmte Dragqueen aus Hamburg, die auf der Reeperbahn Bars betreibt, im Fernsehen auftritt und bei Veranstaltungen sofort auffällt.

Doch hinter der schillernden Figur steckt eine Lebensgeschichte, die viel schwieriger begann, als es ihr heutiges Auftreten vermuten lässt.

Olivia Jones wurde 1969 als Oliver Knöbel in Springe in Niedersachsen geboren. Heute ist sie 56 Jahre alt und blickt auf eine Karriere zurück, die kaum jemand vorher hätte voraussehen können. GALA bezeichnet sie als eine der bekanntesten Dragqueens Deutschlands. Doch bevor aus Oliver die Kunstfigur Olivia wurde, lagen Jahre voller Ablehnung, Unsicherheit und schwieriger Erfahrungen.

Eine Kindheit, die nicht einfach war

Schon als Kind musste Oliver mit Veränderungen in seiner Familie umgehen. Sein Vater verließ die Familie, als Oliver gerade sieben Jahre alt war. Später ging der Vater nach Brasilien. Für den Jungen war das eine Erfahrung, die ihn früh prägte.

Auch mit seiner eigenen Identität hatte Oliver lange zu kämpfen. Seine Homosexualität bemerkte er schon früh, doch in seinem Umfeld wurde darüber kaum gesprochen. In der Schule und auch innerhalb der Familie war das Thema weitgehend tabu.

Für einen jungen Menschen, der ohnehin anders sein wollte als die meisten anderen, war das keine einfache Situation.

Doch gleichzeitig entdeckte Oliver immer stärker seine Leidenschaft für außergewöhnliche Kleidung, Musik und Auftritte. Die 1980er-Jahre wurden für ihn zu einer wichtigen Zeit. Künstler wie Boy George zeigten ihm, dass ein extravagantes Auftreten nicht nur möglich, sondern auch eine Form von Freiheit sein konnte.

Mit gerade einmal 15 Jahren besuchte Oliver zum ersten Mal eine Travestieshow.

Diese Erfahrung veränderte vieles.

Er war fasziniert von der Bühne und von der Möglichkeit, einen Menschen zu erschaffen, der selbstbewusst, auffällig und frei sein konnte. Schon mit 17 Jahren begann er aufzutreten – und ging am nächsten Morgen trotzdem ganz normal zur Schule.

Aus Oliver wurde Olivia

1989 zog es ihn nach Hamburg. Dort begann ein neuer Abschnitt seines Lebens.

Auf der Reeperbahn fand Oliver eine Welt, in der seine Andersartigkeit plötzlich nicht mehr nur ein Problem war. Hier konnte er Olivia werden.

Eine wichtige Rolle spielte dabei Ernie Reinhardt, besser bekannt als Lilo Wanders. Er erkannte das Talent und die besondere Ausstrahlung des jungen Künstlers und verschaffte ihm erste Auftrittsmöglichkeiten.

Auch der Name Olivia Jones entstand in dieser Zeit.

Oliver wollte einen Namen, der vielseitig genug war und zu unterschiedlichen Formen der Unterhaltung passen konnte. Gleichzeitig war er ein großer Fan von Grace Jones. Daraus entwickelte sich schließlich der Künstlername, unter dem Millionen Menschen ihn später kennenlernen sollten.

Doch der Weg zum Erfolg war noch lange nicht beendet.

Der große Durchbruch kam ausgerechnet in Miami

1997 gelang Olivia Jones ein entscheidender Karriereschritt.

In Miami gewann sie den Titel „Miss Dragqueen of the World“.

Von diesem Moment an öffneten sich immer mehr Türen. Fernsehauftritte folgten, Olivia wurde als Reporterin eingesetzt, moderierte Veranstaltungen und engagierte sich bei Benefizveranstaltungen.

Aus der auffälligen Dragqueen wurde eine feste Größe der deutschen Unterhaltung.

Später folgten Auftritte in bekannten Fernsehformaten. Besonders nachhaltig blieb ihre Teilnahme am „Dschungelcamp“. Olivia Jones wurde dort Zweite und bezeichnete die Sendung später selbst als einen wichtigen Karriere-Booster.

Doch sie blieb nicht nur eine Fernsehpersönlichkeit.

Olivia baute sich in Hamburg ein eigenes Unternehmen auf. Heute gehören Bars und Clubs auf der Reeperbahn zu ihrem Geschäft, dazu kommen Kiezführungen und Bootstouren.

Aus der Kunstfigur war längst eine Unternehmerin geworden.

Hinter dem Make-up steckt eine andere Geschichte

Wer Olivia Jones heute sieht, könnte leicht glauben, dass sie schon immer so selbstbewusst gewesen sei.

Doch genau das war nicht der Fall.

In ihrer Biografie beschreibt Olivia schwierige Erfahrungen aus ihrer Jugend und die Ablehnung, die sie wegen ihres Auftretens und ihrer Homosexualität erleben musste. Besonders schmerzhaft war für sie die Reaktion ihrer eigenen Familie.

Heute spricht sie offen darüber.

Nicht, um alte Wunden wieder aufzureißen, sondern um anderen Menschen Mut zu machen.

Olivia Jones engagiert sich seit vielen Jahren für Vielfalt und Toleranz. Sie unterstützt unter anderem Projekte gegen Ausgrenzung und setzt sich für Aufklärung ein. Für Kinder schrieb sie das Buch „Keine Angst in Andersrum“, in dem verschiedene Formen von Beziehungen verständlich erklärt werden.

2024 wurde sie für ihr Engagement für Vielfalt, Toleranz und Leseförderung mit dem Deutschen Lesepreis ausgezeichnet.

„Es gibt kein Verfallsdatum“

Eine Aussage von Olivia Jones passt besonders gut zu ihrer Lebensgeschichte.

Sie könne sich vorstellen, als „schrille Oma“ weiterzuleben, sagte sie einmal sinngemäß. Für sie gebe es kein Verfallsdatum.

Diese Einstellung ist bemerkenswert, weil Olivia selbst inzwischen in einem Alter ist, in dem viele Menschen aus der Öffentlichkeit langsam verschwinden.

Sie denkt offensichtlich nicht daran.

Auch gesundheitlich hat sie in ihrem Leben einiges durchgemacht. Wegen unterschiedlich langer Beine, die ihr Schmerzen bereiteten, ließ sie sich die Beine operativ verkürzen. Gleichzeitig spricht sie offen über Schönheitsoperationen und darüber, wie sich ihr Körper und ihre Erscheinung im Laufe der Jahre verändert haben.

Ihr Motto scheint dabei immer dasselbe geblieben zu sein: Sie entscheidet selbst, wie sie aussehen und leben möchte.

2026 wurde ihre Geschichte selbst zum Film

Besonders emotional wurde es für Olivia Jones im Jahr 2026.

Olivia Jones- Starporträt, News, Bilder | GALA.de

Das ZDF verfilmte ihre Lebensgeschichte. Das Biopic „Olivia“ erzählt von ihrem Weg aus der niedersächsischen Provinz bis zu ihrem Aufstieg als Travestiekünstlerin und Unternehmerin auf St. Pauli.

Die Hauptrolle übernahm Johannes Hegemann. Annette Frier spielt Olivias Mutter Evelin.

Olivia selbst war eng in die Entstehung des Films eingebunden. Für sie war es offenbar eine sehr persönliche Erfahrung, ihre eigene Vergangenheit plötzlich auf einem Filmset wiederzufinden.

Besonders berührend war für sie der Nachbau ihres früheren Kinderzimmers. Sie erzählte, dass dieser Moment körperlich spürbar gewesen sei und sie emotional sehr getroffen habe.

Der Film machte damit etwas sichtbar, was hinter der bekannten Figur Olivia Jones lange verborgen geblieben war: die Geschichte eines Kindes, das zunächst nicht wusste, wohin mit sich, und später genau aus dieser Andersartigkeit seine größte Stärke entwickelte.

Von der Ausgrenzung zur Anerkennung

Heute ist Olivia Jones nicht mehr das Kind, das sich verstecken musste.

Sie ist eine bekannte Unternehmerin, Entertainerin, Autorin und Aktivistin. Sie besitzt ihre eigenen Lokale, steht regelmäßig vor Kameras und wird in ganz Deutschland erkannt.

Und trotzdem ist die Vergangenheit nicht verschwunden.

Vielleicht ist gerade das der Grund, warum ihre Geschichte so viele Menschen berührt. Denn hinter den bunten Perücken, hohen Schuhen, dem Make-up und den schrillen Outfits steht ein Mensch, der sehr früh lernen musste, mit Ablehnung umzugehen.

Olivia hat aus dieser Erfahrung keine Unsichtbarkeit gemacht, sondern Sichtbarkeit.

Aus einem Jungen namens Oliver Knöbel wurde eine der bekanntesten Dragfiguren Deutschlands.

Und während die Zuschauer heute vor allem die laute, selbstbewusste und humorvolle Olivia Jones sehen, erinnert ihre Lebensgeschichte daran, wie viel Mut hinter dieser Figur steckt.

Im Jahr 2026 kann Olivia auf mehr als drei Jahrzehnte Karriere zurückblicken. Sie hat sich ihren Platz in der deutschen Unterhaltungslandschaft erkämpft – und ausgerechnet die Eigenschaften, für die sie früher verspottet wurde, zu ihrem größten Markenzeichen gemacht.

Ihre Geschichte begann mit einem Außenseiter aus Springe.

Heute kennt ihn ganz Deutschland als Olivia Jones.