Jahrzehntelang stand Johann Lafer für Genuss, kulinarische Perfektion und die Freude am Essen. Millionen Menschen kennen sein Gesicht aus dem Fernsehen, haben seine Rezepte ausprobiert oder ihn als einen der bekanntesten Köche im deutschsprachigen Raum bewundert. Mit seiner unverwechselbaren Art machte er aus dem Kochen weit mehr als eine alltägliche Tätigkeit. Für ihn war es eine Leidenschaft, eine Lebensaufgabe und eine Möglichkeit, Menschen glücklich zu machen.
Doch nun steht der 68-Jährige vor einer Herausforderung, die selbst ein Mensch mit seiner beeindruckenden Lebensgeschichte nicht einfach bewältigen kann. In einem außergewöhnlich persönlichen Interview hat Lafer über seine Krebserkrankung gesprochen. Seine Worte geben einen Einblick in eine Zeit, in der sich vieles verändert hat und in der selbst Dinge, die früher selbstverständlich waren, eine völlig neue Bedeutung bekommen.
Besonders bewegend ist dabei, dass Lafer nicht nur über die Krankheit selbst spricht. Er erzählt auch davon, wie sich seine Wahrnehmung des Lebens verändert hat, welche Erinnerungen ihn begleiten und warum ausgerechnet eine seiner größten Leidenschaften plötzlich zu einer besonderen Belastung geworden ist.
Vom einfachen Bauernsohn zum gefeierten Spitzenkoch
Johann Lafers Lebensgeschichte klingt tatsächlich wie das Drehbuch eines Films. Geboren in der Steiermark, wuchs er in einfachen Verhältnissen auf. Seine berufliche Laufbahn begann weit entfernt von den großen Fernsehstudios und den eleganten Restaurants, mit denen sein Name später verbunden werden sollte.
Der entscheidende Schritt kam 1976. Damals erhielt der junge Lafer die Möglichkeit, nach seiner Ausbildung in Berlin zu arbeiten. Seine Mutter gab ihm für diesen neuen Lebensabschnitt gerade einmal 80 D-Mark mit. Dieses Geld war für ihn mehr als eine finanzielle Unterstützung: Es war ein Vertrauensbeweis und der Beginn eines Weges, dessen Ausgang damals niemand vorhersehen konnte.
Die ersten Monate in Berlin waren nicht von Luxus geprägt. Lafer erinnerte sich daran, dass er sich häufig bei Burger King am Kurfürstendamm versorgte, weil er sich kaum etwas anderes leisten konnte. Jahrzehnte später, nachdem er zu einem der bekanntesten Köche Deutschlands geworden war, vergaß er diese Zeit nicht.
Seine Karriere führte ihn zu bedeutenden Persönlichkeiten der Gastronomie, zu Auszeichnungen und schließlich zu einem eigenen Gourmetrestaurant auf der Stromburg. Er wurde zu einem gefragten Fernsehkoch, veröffentlichte Bücher und baute sich eine erfolgreiche Marke auf.
Doch der Weg nach oben verlief keineswegs ohne Rückschläge.
Eine Krise, die beinahe alles zerstörte
Im Jahr 2014 geriet Lafer in eine schwere wirtschaftliche Krise. Steuerliche Auseinandersetzungen und die Forderungen der Behörden brachten ihn nach eigener Darstellung an den Rand des finanziellen Ruins. Obwohl er zuvor Millionen verdient hatte, stand plötzlich seine gesamte wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel.
Besonders schmerzhaft war für ihn, dass sich viele Menschen aus seinem prominenten Umfeld zurückzogen. Gerade in einer solchen Situation zeigt sich, wer tatsächlich bereit ist, einem anderen Menschen beizustehen.
Lafer berichtete, dass ihm schließlich ein einziger Freund aus Wien entscheidend half. Diese Unterstützung bewahrte ihn nach seinen Worten vor der Insolvenz. Die Erfahrung veränderte seinen Blick auf Erfolg, Geld und zwischenmenschliche Beziehungen.
Es war eine Lektion, die ihm später noch einmal auf ganz andere Weise vor Augen geführt werden sollte: Materielle Sicherheit und beruflicher Ruhm können viel ermöglichen, aber sie schützen einen Menschen nicht vor jeder Krise.
Warum er sich von der Spitzengastronomie verabschiedete
Auch beruflich traf Lafer Entscheidungen, die nicht jeder nachvollziehen konnte. 2017 schloss er sein Gourmetrestaurant auf der Stromburg, obwohl es nach seiner Aussage weiterhin gut besucht war.
Der Grund lag in seiner zunehmenden Unzufriedenheit mit bestimmten Entwicklungen der Spitzengastronomie. Er kritisierte eine Küche, bei der die optische Inszenierung manchmal wichtiger werde als der tatsächliche Geschmack. Für ihn sollte Essen nicht nur beeindrucken, sondern Menschen Freude bereiten.
Diese Haltung passt zu seinen Wurzeln in der Steiermark. Lafer erinnerte sich an die traditionelle Küche seiner Kindheit, an ehrliche Zutaten und an Gerichte, die nicht durch komplizierte Dekoration, sondern durch ihren Geschmack überzeugten.
Er wollte hinter dem stehen können, was er seinen Gästen servierte. Als ihm das nicht mehr selbstverständlich erschien, zog er Konsequenzen.
Seine Geschichte zeigt damit eine Seite des Erfolgs, über die selten gesprochen wird: Manchmal bedeutet Weiterentwicklung nicht, immer mehr zu erreichen. Manchmal bedeutet sie, bewusst etwas aufzugeben, das von außen betrachtet wie der Höhepunkt einer Karriere aussieht.
Fünf Jahrzehnte voller Arbeit und Leidenschaft
2026 blickt Lafer auf 50 Jahre berufliches Schaffen zurück. Ein halbes Jahrhundert, in dem sich nicht nur die Gastronomie, sondern auch die Medienwelt grundlegend verändert hat.
Er erlebte, wie sich Essgewohnheiten wandelten, wie Fernsehköche zu bekannten Persönlichkeiten wurden und wie Rezepte durch neue Medien ein Millionenpublikum erreichten. Dabei blieb seine zentrale Überzeugung weitgehend unverändert: Kochen erfordert Erfahrung, Geduld, harte Arbeit und die Bereitschaft, ständig dazuzulernen.
Jungen Menschen rät er deshalb, ihre Karriere nicht wie einen starren Plan zu behandeln. Nicht jeder Erfolg lässt sich im Voraus berechnen. Oft entstehen die entscheidenden Möglichkeiten erst unterwegs – durch Begegnungen, Zufälle und die Bereitschaft, eine Gelegenheit zu nutzen.
Doch während Lafer früher vor allem über berufliche Herausforderungen sprach, steht heute eine ganz andere Frage im Mittelpunkt: Wie geht man damit um, wenn das Leben plötzlich eine Grenze setzt, die sich nicht mit Fleiß und Erfahrung überwinden lässt?
Die Diagnose, die alles veränderte
Nach eigenen Angaben hatte Lafer fast drei Jahre lang mit seiner Erkrankung gelebt, bevor er sich entschloss, öffentlich darüber zu sprechen. Als er bei einem Auftritt im „ZDF-Fernsehgarten“ sichtbar verändert wirkte, begannen die Spekulationen. Menschen fragten ihn, ob er eine Diät mache, eine Abnehmspritze nehme oder ob sich in seinem Privatleben etwas verändert habe.
Schließlich entschied er sich, die Wahrheit selbst anzusprechen.
In dem Interview schilderte er den Moment, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass sein Krebs unheilbar sei. Eine solche Nachricht verändert die Perspektive auf das Leben in kürzester Zeit. Pläne, Besitztümer und berufliche Erfolge treten plötzlich in den Hintergrund. Dinge, die zuvor wichtig erschienen, verlieren einen Teil ihrer Bedeutung.
Lafer sprach offen darüber, wie schwer es ist, sich mit dieser Realität auseinanderzusetzen. Zugleich berichtete er, dass seine Ärzte ihm Mut machten und er Zeit brauche.
Dabei geht es nicht nur um die körperlichen Herausforderungen einer Erkrankung. Es geht auch um die Frage, wie ein Mensch mit einer neuen Lebenssituation umgeht, wenn seine bisherige Identität eng mit einer bestimmten Fähigkeit verbunden war.
Der schmerzlichste Verlust für einen Mann, der sein Leben dem Genuss widmete
Für Lafer ist Essen weit mehr als eine berufliche Tätigkeit. Geschmack, Aromen und die Freude an guten Zutaten waren über Jahrzehnte hinweg ein wesentlicher Teil seines Lebens. Genau deshalb trifft ihn eine bestimmte Folge seiner Erkrankung besonders schwer.
Er erklärte im Interview, dass er derzeit kaum noch etwas schmecken könne. Viele Speisen würden für ihn extrem salzig oder sauer wirken. Für einen Spitzenkoch, der sein gesamtes Berufsleben damit verbracht hat, Geschmack zu entdecken und zu verfeinern, ist das eine tiefgreifende Veränderung.
Lafer beschrieb diesen Verlust als besonders traurig, weil der Genuss einen wesentlichen Teil seines Selbstverständnisses ausmache. Gleichzeitig hält er an der Hoffnung fest, dass sich seine Situation mit der Zeit verbessern könnte.
Seine Offenheit macht deutlich, wie unterschiedlich Menschen mit einer schweren Diagnose umgehen. Es gibt nicht nur die sichtbaren medizinischen Herausforderungen. Es gibt auch die persönlichen Verluste, die von außen kaum jemand erkennt und die gerade deshalb so schwer zu erklären sein können.
Die Geschichte des Starkochs ist damit nicht einfach die Erzählung eines erfolgreichen Menschen, der plötzlich mit einer Krankheit konfrontiert wird. Sie ist auch eine Erinnerung daran, wie eng Lebensfreude, persönliche Identität und die kleinen alltäglichen Dinge miteinander verbunden sind.
Was für andere Menschen selbstverständlich erscheint, kann für jemanden, dessen Beruf und Leidenschaft auf einer bestimmten Fähigkeit beruhen, eine völlig neue Bedeutung bekommen.
Was ihm heute wirklich wichtig ist
Lafers Lebensgeschichte enthält viele Wendungen: den Aufbruch aus der Steiermark, die ersten schwierigen Jahre in Berlin, den Aufstieg in die Spitzengastronomie, eine beinahe existenzbedrohende Krise und die Entscheidung, beruflich neue Wege einzuschlagen.
Heute steht er vor einer Herausforderung, die sich nicht mit einem neuen Restaurantkonzept oder einer geschäftlichen Entscheidung lösen lässt. Dennoch spricht er nicht ausschließlich über Angst oder Verlust. Er betont auch die Bedeutung von Zeit und die Ermutigung durch seine Ärzte.
Seine Geschichte zeigt, dass Stärke nicht bedeutet, immer unerschütterlich zu sein. Sie kann auch darin liegen, offen über Schwierigkeiten zu sprechen, Hilfe anzunehmen und sich einzugestehen, dass manche Dinge Geduld brauchen.
Gerade deshalb berührt sein Interview so viele Menschen: Es geht nicht um einen perfekten Lebenslauf, sondern um einen Menschen, der Erfolge erlebt hat, gescheitert ist, wieder aufgestanden ist und nun mit einer besonders schweren Situation umgehen muss.