Als Heidi Klum ein neues Fernsehprojekt ankündigte, war schnell klar, dass es sich von ihren bisherigen Shows unterscheiden würde. Das international bekannte Model, das seit Jahren als Gesicht von „Germany’s Next Topmodel“ auftritt, wollte einem ganz anderen Bereich der Unterhaltung eine große Bühne geben. Es sollte um spektakuläre Kostüme, außergewöhnliches Make-up, ausdrucksstarke Auftritte und Menschen gehen, die mit ihrer Kunst bewusst Grenzen überschreiten. Doch schon bevor die erste Folge ausgestrahlt wurde, entwickelte sich eine Diskussion, die weit über Mode und Fernsehen hinausging.
Das Projekt hieß „Queen of Drags“. Gemeinsam mit Bill Kaulitz, dem Sänger von Tokio Hotel und ihrem Schwager, sowie Conchita Wurst, der österreichischen Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin, wollte Heidi Klum die talentierteste Dragqueen Deutschlands küren. Zehn Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sollten zeigen, was in ihnen steckt. Für die einen war das eine längst überfällige Gelegenheit, eine vielfältige Kunstform einem breiten Publikum näherzubringen. Andere stellten bereits im Vorfeld eine entscheidende Frage: War Heidi Klum tatsächlich die richtige Person, um eine solche Sendung zu moderieren und zu beurteilen?
Diese Frage begleitete die Show von Anfang an und machte deutlich, dass hinter den funkelnden Outfits und aufwendigen Inszenierungen ein Thema stand, das vielen Menschen persönlich wichtig war.
Heidi Klum hatte sich nach zahlreichen Staffeln von „Germany’s Next Topmodel“ längst als feste Größe im deutschen Fernsehen etabliert. Millionen Zuschauer kannten ihre direkte Art, ihre hohen Ansprüche und ihre Fähigkeit, aus jungen Models selbstbewusste Persönlichkeiten zu machen. Mit „Queen of Drags“ wollte sie nun eine andere kreative Welt zeigen.
Die Idee entstand aus ihrer Begeisterung für die Drag-Kunst. Sie erklärte, dass sie diese Ausdrucksform seit Jahren liebe und bewundere. Für sie bot die neue Sendung die Möglichkeit, Künstlern eine Plattform zu geben, deren Arbeit weit mehr umfasst als auffällige Kleidung, Perücken und Make-up.
Auch Bill Kaulitz brachte eine besondere Perspektive mit. Mode, Kostüme und Schminke gehörten schon seit seiner Kindheit zu seinen Leidenschaften. Durch seine eigene Karriere wusste er, wie wichtig ein unverwechselbarer Stil sein kann und wie sehr ein Bühnenauftritt die Persönlichkeit eines Künstlers zum Ausdruck bringt. Seine Beteiligung war deshalb mehr als nur ein prominenter Name auf dem Jury-Sofa.
Conchita Wurst wiederum hatte mit ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 internationale Aufmerksamkeit erlangt. Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie eine außergewöhnliche Bühnenfigur zum Symbol für Individualität und Selbstbestimmung werden kann. Für sie war Drag eine vielseitige Kunstform, hinter der Menschen mit persönlichen Geschichten, Talenten und Erfahrungen stehen.
Die drei Jurymitglieder sollten gemeinsam entscheiden, wer sich den Titel „Queen of Drags“ verdienen würde. Jede Woche erwartete die Teilnehmer eine neue Aufgabe. Sie mussten ein bestimmtes Motto interpretieren und ihre Ideen in einer großen Bühnenshow umsetzen. Dabei ging es nicht allein um das Aussehen. Persönlichkeit, Gesang, Tanz, Kreativität und die Fähigkeit, ein Publikum zu begeistern, spielten ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ähnlich wie bei anderen Castingshows sollten die Kandidaten nicht nur ihre fertigen Auftritte präsentieren, sondern auch zeigen, wie viel Arbeit dahintersteckte. Die Zuschauer konnten erleben, wie aus Ideen aufwendige Kostüme und aus einzelnen Darstellern selbstbewusste Bühnenpersönlichkeiten wurden. Gaststars sollten die Jury in jeder Folge unterstützen und zusätzliche Perspektiven in den Wettbewerb einbringen.
Doch während sich das Produktionsteam auf die Premiere vorbereitete, geriet vor allem die Besetzung der Jury in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte.
Einige Drag-Künstler und Beobachter der Szene bezweifelten, ob Heidi Klum über genügend Erfahrung mit dieser besonderen Kunstform verfügte, um eine solche Sendung glaubwürdig zu begleiten. Kritisiert wurde unter anderem, dass eine etablierte Moderatorin aus dem klassischen Model-Casting die Leitung eines Formats übernahm, dessen kulturelle Hintergründe deutlich über die Modewelt hinausreichen.
Die Diskussion war nicht einfach mit der Frage zu beantworten, ob eine prominente Fernsehpersönlichkeit eine neue Show moderieren darf. Vielmehr ging es darum, wer die Geschichten einer Szene erzählen kann, welche Erfahrungen dabei berücksichtigt werden und ob die Künstler selbst ausreichend Raum bekommen, ihre Perspektiven einzubringen.
Für Heidi Klum bedeutete die Kritik eine zusätzliche Herausforderung. Sie musste nicht nur die Teilnehmer beurteilen, sondern auch zeigen, dass sie die Bedeutung ihrer Kunst ernst nahm. Die Aufmerksamkeit richtete sich deshalb schon vor der ersten Folge auf ihre Aussagen und ihre Rolle innerhalb des Formats.
Die Moderatorin ließ sich davon nicht davon abbringen, das Projekt zu präsentieren. Sie betonte, dass die Show die kreativen Facetten der Drag-Welt sichtbar machen sollte. Das Publikum sollte Menschen kennenlernen, die auf der Bühne mit Rollen, Bildern und Erwartungen spielen und dabei eine eigene künstlerische Sprache entwickeln.
Am 14. November 2019 wurde die erste Folge auf ProSieben ausgestrahlt. Damit erhielt die Drag-Kunst einen Platz zur Hauptsendezeit im deutschen Privatfernsehen. Für viele Zuschauer war das eine Gelegenheit, eine Welt kennenzulernen, mit der sie zuvor kaum Berührungspunkte gehabt hatten.
Die erste Folge zeigte die Teilnehmer sowohl in ihrem Alltag als auch in ihren aufwendig gestalteten Bühnenrollen. Die Unterschiede zwischen den Persönlichkeiten und ihren Kunstfiguren machten deutlich, wie viel Vorbereitung, handwerkliches Können und Vorstellungskraft in den Auftritten steckte. Hinter den glamourösen Erscheinungen standen Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen, Ambitionen und persönlichen Erfahrungen.
Die Sendung griff auch Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung auf. Dadurch wurde deutlich, dass Drag für viele Künstler nicht ausschließlich Unterhaltung bedeutet. Die Kunst kann auch eine Möglichkeit sein, Selbstvertrauen zu entwickeln, gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen und die eigene Identität auf kreative Weise auszudrücken.
Gleichzeitig blieb „Queen of Drags“ ein Wettbewerb. Die Teilnehmer mussten sich gegenseitig übertreffen, Aufgaben erfüllen und die Jury überzeugen. Genau darin lag eine der Herausforderungen des Formats: Es wollte Gemeinschaft und Vielfalt zeigen, musste aber gleichzeitig Entscheidungen treffen und Kandidaten miteinander vergleichen.
Für die Zuschauer entstand dadurch eine Mischung aus glamourösen Auftritten, persönlichen Geschichten und Konkurrenz. Manche lobten, dass eine solche Sendung überhaupt zur besten Sendezeit zu sehen war. Andere fragten, ob das Format der Szene wirklich gerecht werden konnte oder ob die besonderen Erfahrungen der Künstler für das Fernsehen vereinfacht wurden.
Auch die Rolle der Jury blieb ein Gesprächsthema. Bill Kaulitz brachte seine Begeisterung für Mode und Inszenierung ein, während Conchita Wurst aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen eine besondere Verbindung zu den Themen der Show hatte. Heidi Klum wiederum stand als bekannte Moderatorin zwischen der klassischen Unterhaltung und einer Kunstform, deren kulturelle Hintergründe nicht allen Zuschauern vertraut waren.
Die erste Staffel umfasste sechs Folgen und endete am 19. Dezember 2019. Am Ende setzte sich Yoncé Banks durch und gewann den Titel „Queen of Drags“. Damit erhielt eine der zehn Teilnehmerinnen die Anerkennung, auf die alle während des Wettbewerbs hingearbeitet hatten.
Doch das Ergebnis war nur ein Teil der Geschichte. Das Format hatte eine Diskussion darüber angestoßen, wie Drag-Kunst im deutschen Fernsehen dargestellt werden sollte und welche Verantwortung Unterhaltungssendungen tragen, wenn sie kulturelle Ausdrucksformen einem großen Publikum präsentieren.
Besonders bemerkenswert war dabei, dass die Sendung nicht nur von den Kostümen und den spektakulären Auftritten lebte. Sie zeigte auch, wie viel Persönlichkeit, Arbeit und Mut hinter den Bühnenfiguren stecken kann. Für Zuschauer, die Drag bisher vor allem mit Glitzer und extravaganten Verwandlungen verbunden hatten, eröffnete sich damit eine neue Perspektive.
Und genau hier liegt die wichtigste Erkenntnis hinter Heidi Klums ungewöhnlichem TV-Projekt: „Queen of Drags“ war nicht einfach eine weitere Castingshow, in der es darum ging, wer das schönste Outfit trägt oder die größte Show liefert. Die Sendung machte sichtbar, dass Drag eine Kunstform ist, die Kreativität, Ausdruck und persönliche Geschichten miteinander verbindet. Die Kontroversen um die Jury verschwanden dadurch zwar nicht vollständig, doch sie zeigten, wie groß das Interesse an der Frage war, wer diese Kunst repräsentieren darf – und wie sie im Fernsehen dargestellt werden sollte.
