Ruhm in einer einzigen Szene, Kämpfe im echten Leben – Die unerzählte Geschichte von Anita Ekberg

In der langen Geschichte des Kinos haben bestimmte Bilder die Leinwand verlassen und für die Ewigkeit festgehalten. Nur wenige haben dieses Niveau so sehr erreicht wie Anita Ekbergs mondbeschienener Gang zum Trevi-Brunnen in Rom in Federico Fellinis La Dolce Vita (1960). In ihrem trägerlosen schwarzen Kleid, das in der Nacht leuchtete, wirkte sie weniger wie eine Schauspielerin als vielmehr wie eine mythische Göttin – unantastbar, strahlend, unvergesslich. Diese einzelne Szene prägte ihren Namen für immer in die Filmgeschichte ein und machte sie zum ultimativen Symbol des filmischen Glamours. Doch wie bei so vielen Ikonen war die reale Frau hinter diesem Bild vielschichtiger, überraschender und menschlicher als die Legende, die sie verkörperte.

Kerstin Anita Marianne Ekberg wurde 1931 im schwedischen Malmö als eines von acht Kindern einer einfachen Familie geboren. Ihr Weg zum Ruhm begann mit Schönheitswettbewerben: 1950 wurde sie zur Miss Schweden gekürt und nahm anschließend an der Wahl zur Miss Universe in den USA teil. Sie konnte den Titel zwar nicht mit nach Hause nehmen, doch Hollywood hatte sie bereits im Visier. Mit ihrer imposanten Größe, den markanten Gesichtszügen und dem durchdringenden Blick war sie für die Studios unwiderstehlich. Universal Pictures nahm sie schnell unter Vertrag und Anitas Reise durch das Hollywood der 1950er Jahre begann.

Doch ihre frühen Jahre in Amerika offenbarten sowohl das Versprechen als auch die Falle außergewöhnlicher Schönheit. Zu oft wurde sie als verführerische Blondine, dekorative Sirene oder glamouröse Nebenfigur in Filmen wie Abbott und Costellos „Go to Mars“ (1953) und „Blood Alley“ (1955) besetzt. Die Rollen waren selten tiefgründig, doch sie weigerte sich, sich in Hollywoods enge Sichtweise auf sie einordnen zu lassen. Europa, nicht Amerika, sollte ihr schließlich die Rolle geben, die alles veränderte.

Dieser Wendepunkt kam, als Fellini sie als Sylvia in „ La Dolce Vita“ besetzte . Sie war nicht nur eine Figur – sie war die Verkörperung einer Fantasie, die Verkörperung von Begierde und unantastbarer Schönheit. In der legendären Brunnenszene watet sie barfuß und gelassen in das eiskalte Wasser und lockt Marcello Mastroianni mit göttlicher Anziehungskraft. Das Ergebnis war filmische Magie: ein surrealer, berauschender Moment, der bis heute die Filmgeschichte prägt.

Die Szene machte sie weltweit bekannt, prägte sie aber auch auf eine bestimmte Rolle ein. Anita selbst gab zu, dass sie gemischte Gefühle hatte, als sie für immer als „die Frau im Brunnen“ in Erinnerung bleiben wollte. „Ich war schon vor Brigitte Bardot ein europäisches Sexsymbol“, bemerkte sie einmal und erinnerte die Welt daran, dass sie mehr war als nur eine Rolle, egal wie ikonisch sie war.

Abseits der Leinwand lebte Ekberg mit derselben Kühnheit. Sie war freimütig, unabhängig und stand zu ihren Entscheidungen kompromisslos. Sie hatte berühmte Romanzen – Verlobungen und Ehen, darunter eine kurze Affäre mit Frank Sinatra und eine Ehe mit dem Schauspieler Anthony Steel –, ließ sich aber nie allein von Männern definieren. Sie strebte nach Freiheit, zog sich manchmal aus dem Rampenlicht zurück, stürzte sich manchmal kopfüber hinein. Oft lachte sie über ihren eigenen Mythos und nahm ihn mit Ironie und Stolz zugleich an.

In den 1960er und 1970er Jahren spielte sie weiterhin in europäischen und Hollywood-Produktionen mit, doch nichts konnte den Schatten von „ La Dolce Vita“ überschatten . Dieses Paradox – mit einer Rolle ewigen Ruhm zu erlangen und gleichzeitig darum zu kämpfen, darüber hinauszugehen – verfolgte ihre Karriere. Dennoch bewunderten Regisseure ihre Anziehungskraft und das Publikum ihre Präsenz, selbst in weniger erfolgreichen Filmen.

Später wählte Anita Italien zu ihrer Heimat. Sie lebte dort ruhig, doch blieb sie unvergessen. Journalisten, die sie in ihren späteren Jahren trafen, begegneten ihr als eine Frau, offen und witzig, die keine Angst hatte, über Erfolge und Reue gleichermaßen zu sprechen. Sie wusste, dass sie ein Mythos war, aber sie wusste auch, dass Mythen seltene Privilegien sind.

Als sie 2015 im Alter von 83 Jahren starb, spielte die Welt die Szene am Trevi-Brunnen erneut ab. Doch wer genauer hinsah, erinnerte sich an mehr: an eine Frau, die Erwartungen trotzte, kompromisslos lebte und ihren eigenen Weg in einer Welt beschritt, die sie nur allzu gern definieren wollte. Fellini sagte einmal über sie: „Sie wurde geboren, um bewundert zu werden.“ Und tatsächlich hält die Bewunderung auch Jahrzehnte später an – nicht nur für Sylvia, die Göttin im Brunnen, sondern auch für Anita Ekberg selbst: Schauspielerin, Ikone und zeitlose Naturgewalt.