Hinter der schrillen, glanzvollen Fassade der deutschen Medienwelt, wo Lilo Wanders über ein ganzes Jahrzehnt lang als die unumstrittene und freche Königin der Kult-Sexshow Wa(h)re Liebe die intimsten Geheimnisse der Nation ans Licht brachte, spielte sich in der Realität ein bitteres, hochemotionales Drama ab. Der Mann, der diese legendäre Kunstfigur mit so viel Charme, Humor und unbändigem Witz zum Leben erweckte, heißt Ernst-Johann „Ernie“ Reinhardt. Während Millionen von Menschen vor den Bildschirmen saßen und über seine unbefangenen, aufklärenden Worte staunten, kämpfte der sensible Künstler hinter den verschlossenen Türen seiner Garderobe mit einer unendlichen inneren Leere. Kurz vor seinem großen 70. Geburtstag bricht der Star nun sein jahrelanges Schweigen und legt ein schmerzhaft ehrliches, zutiefst berührendes Geständnis ab, das die dunklen und eisigen Schatten seines wahren Seelenlebens schonungslos offenbart.
Ernie Reinhardt macht keinen Hehl daraus, dass sein Leben trotz des gigantischen Erfolgs und der permanenten Bewunderung des Publikums oft von einer unerträglichen, psychischen Schwere geplagt war. Er wisse ganz genau, was echte Depressionen und eine grundlegende, zerstörerische Einsamkeit im Alltag bedeuten, gestand der Künstler nun mit leiser Stimme. Es ist die schmerzhafte Beichte eines Mannes, der in der schillernden Welt des Hamburger Kiez und des Schmidt Theaters zwar als absolute Popikone gefeiert wurde, privat aber immer wieder in ein tiefes, schwarzes Loch der Verzweiflung stürzte. Schon in seiner Jugend erlebte er den absoluten Tiefpunkt, als er im zarten Alter von nur 18 Jahren aus lauter Verzweiflung und emotionaler Zerrissenheit einen dramatischen Suizidversuch beging. Es war ein verzweifelter Schrei nach Liebe und Akzeptanz in einer damals unbarmherzigen, konservativen Umwelt, die keinen Platz für seine Homosexualität bot.
Dass der beliebte Moderator diese schweren, depressiven Phasen überhaupt überstanden hat, verdankt er einem eisernen, ihm von Kindheit an streng anerzogenen Pflichtgefühl. Dieses unerbittliche innere Gesetz habe ihn in den dunkelsten Momenten immer wieder dazu gezwungen, der lähmenden Traurigkeit nicht einfach nachzugeben, sondern sich tapfer den Erwartungen der Außenwelt zu stellen. Ein wahrer Segen und ein emotionaler Rettungsanker war für ihn dabei die unendliche Wertschätzung und die lautstarke Liebe, die ihm das Publikum auf der Bühne entgegenbrachte. Wenn er in die Rolle der Lilo Wanders schlüpfte, in die extravaganten Kleider stieg und das perfekte Make-up auflegte, konnte er der grauen Realität entfliehen. Die Verwandlung bot ihm Schutz: Wenn er jemand anderes war, konnte er auf der Bühne ironischerweise endlich ganz er selbst sein.

Heute, im Alter von fast 70 Jahren, wagt der dreifache Vater, der seit dem Jahr 1985 in einer bemerkenswerten, völlig offenen Ehe mit seiner Ehefrau Brigitte lebt, einen radikalen und befreienden Neuanfang. Er hat seinen geliebten, idyllischen Bauernhof im Alten Land vor den Toren Hamburgs endgültig verkauft, um sich von alten Lasten zu befreien und mit seiner Autobiografie ein unzensiertes Denkmal seines Lebens zu setzen. Trotz der schweren Herzensbrüche der Vergangenheit, der tiefen Identitätskrisen und der stillen Tränen blickt Ernie Reinhardt heute gelöst und mit einem leisen Lächeln nach vorne. Er hat den harten Kampf gegen seine inneren Dämonen erfolgreich gemeistert und beweist der Welt eindrucksvoll, dass man selbst nach den schwersten psychischen Krisen wieder das Licht am Ende des Tunnels finden kann.