Ein tränenreicher Spaziergang über die Hamburger Reeperbahn Lilo Wanders kehrt an den Ort ihrer wildesten Träume zurück

Es gibt Pflaster auf dieser Welt, die sind so tief mit den Tränen, dem Schweiß und den Triumphen einer eigenen Biografie getränkt, dass jeder einzelne Schritt darauf alte Geister der Vergangenheit heraufbeschwört. Für die absolute Travestie-Ikone Lilo Wanders wurde ein hochemotionaler Spaziergang durch das Herz von Hamburg zu einer zutiefst privaten Zeitreise, die den Künstler hinter der Maske, Ernie Reinhardt, sichtlich bewegte. Gemeinsam mit einem Mikrofon im Schlepptau schlenderte die 70-jährige Kult-Moderatorin über die sündige Meile der Reeperbahn auf St. Pauli – genau dorthin, wo vor vielen Jahrzehnten ein unbändiger Lebenshunger und die pure kreative Anarchie den Grundstein für eine beispiellose Karriere im deutschen Rampenlicht legten. Es ist ein ungeschönter, melancholischer und zutiefst ehrlicher Rückblick auf ein Leben voller Tabubrüche, gesellschaftlicher Mauern und dem ewigen Kampf um die absolute Freiheit des eigenen Seins. Aufgewachsen in der engen, erstickenden Provinz Niedersachsens, flüchtete der junge Ernie einst vor den eisigen Vorurteilen und dem drückenden Schweigen der Heimat, um in den verrauchten, wilden Straßen von Hamburg seine wahre Identität zu finden. Beim Vorbeigehen an den legendären Clubs, den grellen Neonreklamen und den altbekannten Ecken des Kiez brach das schillernde Urgestein sein Schweigen und schilderte detailreich, wie extrem hart und steinig der Weg in den Anfängen tatsächlich war. Jeder Schritt auf St. Pauli weckte Erinnerungen an eine Zeit, in der Homosexualität noch ein gefährliches Wagnis darstellte und die Kunstform der Travestie von der breiten Masse verpönt wurde.

Gemeinsam mit engen Weggefährten gründete er damals das berühmte Schmidt Theater, das die gesamte Theaterlandschaft des Landes revolutionieren sollte. Hier verschmolz Ernie immer mehr mit seiner scharfzüngigen, aber stets unendlich charmanten Kunstfigur Lilo Wanders, die später mit der legendären Aufklärungssendung „Wa(h)re Liebe“ bundesweite Fernsehgeschichte schreiben sollte. Doch während sie im Fernsehen millionen Menschen die Scham nahmen und Aufklärung in die Wohnzimmer brachten, forderte das permanente Leben im grellen Scheinwerferlicht privat einen unendlich hohen Tribut. Die Ikone gesteht offen, wie kräftezehrend die ständige Verwandlung und die scharfe Grenze zwischen der lauten Kunstfigur und dem privaten, feinfühligen Menschen hinter den Kulissen über all die Jahre hinweg war. Heute, mit der reifen Gelassenheit des Alters, blickt der 70-Jährige bei diesem emotionalen Spaziergang mit einer tiefen inneren Zufriedenheit auf das Erreichte zurück. Er hat für Generationen den Weg geebnet und bewiesen, dass man sich niemals verbiegen lassen darf. Auch wenn der ganz große Medienrummel der Vergangenheit angehört, ist die enge, magische Verbindung zu den Straßen von St. Pauli unsterblich geblieben, und die Ikone geht weiterhin aufrecht ihren ganz eigenen, stolzen Weg.