Kaum eine Sängerin steht so stark für den Sound der 1980er-Jahre wie Sandra. Ihre Stimme war überall zu hören, ihre Lieder liefen in Europa und sogar in der damaligen Sowjetunion auf und ab, und mit „Maria Magdalena“ gelang ihr ein Hit, der bis heute sofort erkannt wird. Doch hinter dem glamourösen Leben der gefeierten Popikone verbarg sich eine Geschichte, die viel komplizierter war als die bunten Bilder aus den Musikvideos.
Sandra Ann Lauer wurde in Saarbrücken geboren. Ihre Mutter war Deutsche, ihr Vater Franzose. Schon als Kind liebte sie Musik und Tanz. Ihre Eltern erkannten früh, dass ihre Tochter außergewöhnliches Talent besaß, und ermöglichten ihr Ballettunterricht. Später lernte Sandra Gitarre. Sie war nicht nur ehrgeizig, sondern offenbar schon früh davon überzeugt, dass die Bühne ihr Leben werden sollte.
Mit gerade einmal 13 Jahren wagte sie einen ungewöhnlichen Schritt. Bei einem Kinderliederwettbewerb sprang sie spontan auf die Bühne und sang ein Lied von Olivia Newton-John. Sie hatte eigentlich gar nicht zu den offiziellen Teilnehmern gehört. Doch ihre Dreistigkeit machte Eindruck. Plötzlich interessierten sich Menschen aus der Musikbranche für das Mädchen.
Wenige Jahre später wurde Sandra Mitglied des Mädchenduos beziehungsweise Trios Arabesque. Mit 16 Jahren stand sie damit bereits professionell auf der Bühne. Besonders in Japan feierte die Gruppe große Erfolge. Für die junge Sandra bedeutete das allerdings auch, sehr früh selbstständig werden zu müssen. Sie organisierte Reisen, kümmerte sich um ihre Kleidung und ihr Styling und lernte, sich in einer Welt zu behaupten, die für ein Mädchen aus einer einfachen Familie völlig neu war.
Doch der entscheidende Mensch in ihrem Leben sollte nicht lange auf sich warten lassen.
Michael Cretu war Musiker, Keyboarder, Produzent und später Sandras Ehemann. Er wurde zu ihrem wichtigsten musikalischen Partner. Nachdem Sandra Arabesque verlassen hatte, begann eine Zusammenarbeit, die ihre Karriere für immer verändern sollte.
1984 veröffentlichte sie ihre erste große Solosingle. Der deutschsprachige Song „Japan ist weit“ beziehungsweise ihre Version von „Big in Japan“ konnte zunächst nicht den erwarteten Erfolg erzielen. Für Sandra war das jedoch kein Grund aufzugeben.
Ein Jahr später änderte sich alles.
Mit „Maria Magdalena“ wurde Sandra innerhalb kürzester Zeit zu einem europäischen Superstar. Ihr Debütalbum „The Long Play“ brachte weitere Hits hervor. Plötzlich war die Sängerin nicht mehr nur in Deutschland bekannt. Ihre Musik eroberte zahlreiche Länder und erreichte auch ein riesiges Publikum in der Sowjetunion.
Sandra nahm den Erfolg jedoch nicht einfach als Geschenk hin. Sie arbeitete weiter an sich. In London verbrachte sie Monate mit Gesangsunterricht und lernte zusätzlich Englisch, um internationale Interviews selbstbewusst führen zu können. Gleichzeitig kümmerte sie sich um ihre Fans und unterschrieb jeden Monat unzählige Autogramme.
Ihr Leben schien perfekt.
Erfolg, Geld, Ruhm – und an ihrer Seite der Mann, der ihre musikalische Karriere entscheidend mitgestaltet hatte.
1988 heirateten Sandra und Michael Cretu. Gemeinsam zogen sie nach Ibiza, wo Sandra bereits zuvor eine Villa gekauft hatte. Das Paar lebte zunehmend abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Später wohnten sie sogar in einem historischen Anwesen.
Von außen wirkte dieses Leben wie ein Traum.
Doch genau dort begann sich die Geschichte zu verändern.
In den 1990er-Jahren wurde Michael Cretu mit seinem Projekt Enigma selbst zu einem internationalen Musikstar. Das erste Album „MCMXC a.D.“ wurde weltweit erfolgreich. Sandra war an einigen Projekten beteiligt, teilweise war ihre Stimme zu hören, ohne dass ihr Name deutlich in den Vordergrund gestellt wurde.
Währenddessen wurde ihre eigene Karriere ruhiger.

Die großen Chart-Erfolge kamen nicht mehr in derselben Regelmäßigkeit. Sandra war inzwischen nicht mehr das junge Mädchen aus den 1980ern. Sie hatte andere Prioritäten bekommen.
1995 wurden ihre Zwillingssöhne Nikita und Sebastian geboren.
Für Sandra begann damit ein neuer Lebensabschnitt. Die Sängerin, die jahrelang auf Bühnen und Flughäfen gelebt hatte, konnte sich nun stärker ihrer Familie widmen. Ihre Karriere trat zeitweise in den Hintergrund.
Doch ihr Privatleben sollte sich als weitaus schwieriger erweisen, als es die Öffentlichkeit zunächst vermutete.
Sandra und Michael Cretu trennten sich schließlich. Ihre Scheidung wurde 2009 offiziell, nachdem sich die beiden bereits zuvor voneinander entfernt hatten. Über die Gründe sprach Sandra nur äußerst selten. Sie ließ Journalisten mit ihren Fragen weitgehend abblitzen.
Ein Satz von ihr blieb jedoch besonders hängen: Sie habe sich in ihrer Ehe einsam gefühlt.
Das war eine bemerkenswerte Aussage von einer Frau, die nach außen hin alles zu besitzen schien.
Ein erfolgreicher Ehemann. Zwei Kinder. Ein luxuriöses Zuhause. Geld und weltweiter Ruhm.
Und trotzdem Einsamkeit.
Nach der Trennung begann für Sandra ein weiterer Versuch, ihr persönliches Glück zu finden. Sie lernte Olaf Menges kennen, der später ihr Partner und musikalischer Produzent wurde. Sandra sprach sehr positiv über ihn und betonte, dass er anders als ihr früherer Ehemann viel stärker für sie da sei.
2010 heirateten die beiden auf den Seychellen. Für Sandra schien damit erneut ein Traum wahr geworden zu sein.
Doch auch diese Beziehung hielt nicht für immer.
2014 trennten sich Sandra und Olaf Menges wieder.
Damit stand die Sängerin erneut allein da.
Und genau an diesem Punkt wird ihre Geschichte besonders bewegend. Denn während das Publikum vor allem die glamouröse Sandra der 1980er-Jahre sah, musste sie privat immer wieder mit Enttäuschungen umgehen.
Auch ihr Aussehen veränderte sich mit den Jahren. Die schlanke Figur der jungen Popikone war irgendwann verschwunden. In der Presse wurde über die Gründe spekuliert. Sandra selbst erklärte, dass sie seit Jahren Probleme mit ihrer rechten Hüfte habe und deshalb regelmäßig Kortison-Injektionen benötige.
Doch sie ließ sich davon nicht aus der Öffentlichkeit vertreiben.
Ganz im Gegenteil.
Sandra kehrte immer wieder auf die Bühne zurück. Besonders bei den großen Retro-Shows der 1980er-Jahre wurde sie weiterhin gefeiert. Ihre alten Hits waren nie verschwunden. Für viele Fans bedeutete ein Konzert mit Sandra eine Reise zurück in die eigene Jugend.
Und vielleicht war genau das ihre größte Stärke.
Sie musste nicht mehr aussehen wie 1985. Sie musste auch nicht mehr beweisen, dass sie einen Platz in den Charts verdient hatte. Ihr Publikum liebte sie inzwischen für etwas anderes: für die Erinnerungen, die ihre Musik auslöste.
Doch hinter den Kulissen blieb Sandra eine sehr zurückhaltende Frau.
Sie spricht nur selten ausführlich über ihr Privatleben. Auch ihre beiden Söhne hält sie weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Nach der Trennung von Cretu gab es klare Grenzen, was die öffentliche Darstellung der Kinder betraf.
Heute lebt Sandra weiterhin zurückgezogen und arbeitet dennoch musikalisch. Sie hat nie endgültig mit der Bühne abgeschlossen. 2019 erschien ihr mittlerweile elftes Studioalbum.
Und genau hier liegt das vielleicht überraschendste Detail ihrer Geschichte.
Sandra verlor im Laufe ihres Lebens nicht ihre Karriere – sie verlor vielmehr die Vorstellung, dass Ruhm automatisch persönliches Glück bedeutet.
Sie hatte alles, was für Außenstehende nach einem perfekten Leben aussah: Welterfolg, Reichtum, große Häuser, berühmte Partner und Millionen Fans.
Doch zweimal musste sie erleben, dass eine Ehe nicht für immer hält.
Heute ist die Sängerin längst nicht mehr das Mädchen mit der berühmten Wespentaille und den langen Haaren aus den 1980ern. Sie ist älter geworden, hat sich verändert und lebt wesentlich zurückgezogener.
Aber sie steht noch immer auf der Bühne.
Und wenn die ersten Töne von „Maria Magdalena“ erklingen, ist plötzlich wieder jene Sandra da, die einst ganz Europa eroberte.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus ihrer Geschichte: Das große Glück, nach dem sie so lange gesucht hat, fand sie nicht unbedingt in einer perfekten Ehe oder einem glamourösen Leben.
Es scheint vielmehr in etwas anderem zu liegen – in ihren Kindern, ihrer Musik, ihrer Unabhängigkeit und in der Fähigkeit, nach jeder Enttäuschung wieder aufzustehen.
Sandra hat auf ihrem Weg einiges verloren.
Aber eines hat sie nie verloren: ihren Platz in der Musikgeschichte.