Fünf Jahre später konnte er Udo Jürgens’ Lieder immer noch nicht hören: Was zwischen den beiden am Abend vor seinem Tod geschah, erschütterte Pepe Lienhard zutiefst

Es gibt Begegnungen im Leben, die man nie vergisst. Für Pepe Lienhard war eine solche Begegnung nicht nur ein einzelner Moment, sondern 37 Jahre gemeinsamer Weg. Jahrzehntelang stand der Schweizer Musiker mit Udo Jürgens auf der Bühne. Er war Bandleader, musikalischer Partner und enger Freund des großen Entertainers. Hunderte Konzerte, Reisen, Proben und gemeinsame Erlebnisse verbanden die beiden Männer.

Doch dann kam ein Tag, der alles veränderte.

Was diesen Abschied so schwer machte, war vor allem die Tatsache, dass niemand damit gerechnet hatte. Noch kurz zuvor schien alles normal zu sein. Es gab Pläne für die Zukunft, Gespräche und die vertraute Atmosphäre zwischen zwei Menschen, die sich seit Jahrzehnten kannten.

Pepe Lienhard hatte damals keinen Grund zu glauben, dass er seinen Freund zum letzten Mal sehen würde.

Heute kann er darüber sprechen. Doch die Erinnerung daran ist noch immer besonders.

Dabei begann Lienhards eigene musikalische Geschichte lange bevor Udo Jürgens in sein Leben trat. Schon als Kind fühlte er sich zur Musik hingezogen. Mit sieben Jahren spielte er Blockflöte und hatte daran erstaunlicherweise sogar Freude. Während andere Kinder lieber Fußball spielten, übte der junge Pepe freiwillig und begann schon früh, bekannte Unterhaltungsmusik nachzuspielen.

Mit elf Jahren bekam er von seiner Mutter ein Saxophon geschenkt. Nur kurze Zeit später gründete er seine erste Band. Mit 17 Jahren gewann er beim renommierten Zürcher Jazz Festival den ersten Preis in der Kategorie Big Band.

Sein Weg war damit praktisch vorgezeichnet.

Ein Erlebnis sollte seine spätere Karriere allerdings besonders stark beeinflussen. Als Jugendlicher sah Lienhard Quincy Jones live. Die große Big Band beeindruckte ihn so sehr, dass er sich damals sagte: Eine solche Band möchte ich eines Tages selbst haben.

Viele Jahre später wurde aus diesem Jugendtraum Realität.

Lienhard spielte nicht nur mit Quincy Jones, sondern auch mit zahlreichen internationalen Stars. Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Shirley Bassey, Donna Summer, Paul Anka, Whitney Houston und weitere Weltstars gehörten zu den großen Namen, mit denen er musikalisch zusammenarbeitete.

In den 1980er-Jahren war seine Band sogar als Hausorchester im Sporting Club in Monte Carlo tätig. Für den damals noch relativ jungen Musiker war das eine außergewöhnliche Chance. Immer wieder kamen internationale Stars vorbei, und Lienhard konnte mit Künstlern auftreten, die er zuvor wahrscheinlich nur aus der Ferne bewundert hatte.

Doch trotz dieser beeindruckenden Karriere sollte eine Zusammenarbeit sein Leben besonders prägen.

1980 gründete Pepe Lienhard sein eigenes Orchester. Kurz darauf begann die lange gemeinsame Geschichte mit Udo Jürgens. Insgesamt 37 Jahre begleitete Lienhard den Sänger auf seinen Tourneen.

Für Außenstehende war die Rollenverteilung klar: Udo Jürgens war der große Star. Pepe Lienhard stand mit seinem Orchester etwas dahinter.

Für Lienhard selbst war das jedoch nie ein Problem.

Im Gegenteil.

Er empfand diese Position als großes Glück. Udo Jürgens gab ihm die Möglichkeit, über Jahrzehnte mit einer großen Band zu arbeiten. Gleichzeitig behandelte Jürgens seinen musikalischen Partner mit großem Respekt und ließ ihm auf der Bühne viel Raum.

Genau darin lag offenbar das Geheimnis ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit.

Lienhard musste nie versuchen, selbst im Mittelpunkt zu stehen. Er wusste, welche Rolle er hatte – und war damit vollkommen zufrieden.

Auch deshalb wollte er zu Lebzeiten von Udo Jürgens dessen Lieder nicht einfach selbst spielen. Er wollte nicht versuchen, das Original zu kopieren. Wenn das Publikum Udo hören wollte, sollte es Udo hören.

Nach dem Tod änderte sich das.

Plötzlich wurden die Lieder zu einer Form der Erinnerung.

Udo Jürgens' Bandleader Pepe Lienhard im Interview | Ticketmaster Blog

Bei seinen eigenen Konzerten begann Lienhard, regelmäßig eine Hommage an seinen langjährigen Weggefährten einzubauen. Die Musik wurde zu einer Möglichkeit, Udo Jürgens weiterhin auf der Bühne präsent zu halten.

Und genau das bekam eine besondere Bedeutung, weil der Abschied für Lienhard zunächst kaum zu begreifen war.

Die Nachricht vom Tod traf ihn völlig unerwartet. Udo Jürgens war zwar bereits 80 Jahre alt, doch Lienhard hatte ihn kurz zuvor noch als fit und voller Energie erlebt. Die beiden hatten sogar über die Zukunft gesprochen.

Niemand am Tisch konnte wissen, dass es ihr letztes gemeinsames Essen sein würde.

Für Lienhard war dieser Gedanke später besonders schwer.

In den ersten Monaten nach dem Tod konnte er deshalb nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Fernsehsendungen mit Udo Jürgens waren für ihn kaum auszuhalten. Auch dessen Musik konnte er zunächst nicht hören.

Die Lieder, die er zuvor tausendfach gespielt hatte, waren plötzlich mit einem Verlust verbunden.

Doch die Zeit veränderte den Schmerz.

Aus der unmittelbaren Trauer wurde eine Erinnerung, die weiterhin Teil seines Lebens blieb. Bis heute wird Lienhard bei seinen Auftritten auf Udo Jürgens angesprochen. Die gemeinsame Geschichte ist für das Publikum ebenso präsent wie für ihn selbst.

Interessant ist auch, dass eine technische Möglichkeit existieren würde, Udo Jürgens noch einmal gemeinsam mit Lienhards Orchester auf die Bühne zu bringen.

Das letzte Konzert von Udo Jürgens in Zürich wurde mit mehreren Kameras aufgezeichnet. Es gibt Aufnahmen, Arrangements und die entsprechenden Tonspuren. Rein technisch wäre es deshalb möglich, mit einer großen LED-Wand und dem vorhandenen Material eine digitale Show zu gestalten.

Lienhard schließt eine solche Idee grundsätzlich nicht aus.

Doch bisher ist daraus kein konkretes Projekt geworden.

Vielleicht braucht es das auch gar nicht.

Denn eine andere Form der Erinnerung hat sich längst etabliert.

Die Musik von Udo Jürgens lebt weiter. Seine Lieder werden gesungen, gespielt und in neuen Zusammenhängen entdeckt. Auch das Musical „Ich war noch niemals in New York“ trägt dazu bei.

Für Lienhard ist das Musical keine Kopie seines früheren Partners. Es ist eine eigenständige Geschichte, in der die Musik von Udo Jürgens weiterlebt.

Besonders berührte ihn dabei ein Lied, das er während der gemeinsamen Tourjahre kaum in dieser Form erlebt hatte: „Immer wieder geht die Sonne auf“. Durch eine neue Bearbeitung entdeckte Lienhard den alten Song plötzlich ganz neu.

Es war ein Lied, das Erinnerungen zurückbrachte – und gleichzeitig zeigte, dass Musik sich verändern kann, ohne ihre Bedeutung zu verlieren.

Doch dann kommt die vielleicht bewegendste Stelle seiner Geschichte.

Denn erst Jahre später konnte Pepe Lienhard wirklich akzeptieren, dass Udo nicht mehr zurückkommen würde.

Am Abend vor Udo Jürgens’ Tod saß Pepe Lienhard noch mit ihm beim Essen. Sie sprachen ganz entspannt miteinander und machten sogar Pläne für die Zukunft. Udo wirkte fit, voller Energie und keineswegs wie jemand, dessen Leben kurz vor dem Ende stand. Am nächsten Tag war er tot.

Genau deshalb war der Schock so groß.

Lienhard hatte seinen Freund nicht nach einem langen Abschied verloren. Es gab keine letzte gemeinsame Tour, kein Wissen darum, dass die Zeit knapp wurde, keinen bewussten Abschied.

Es gab nur einen ganz normalen Abend.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Erinnerung bis heute so tief sitzt.

37 Jahre gemeinsames Leben lassen sich nicht einfach abschließen. Für Pepe Lienhard ist Udo Jürgens deshalb nicht nur ein Teil der Vergangenheit. Er bleibt in den Liedern, in den Konzerten und in all den Erinnerungen präsent.

Und jedes Mal, wenn seine Musik erklingt, ist da ein Stück dieser gemeinsamen Geschichte wieder da.