Johann Lafer spricht so offen wie nie über seine Krebserkrankung: Der Bart ist verschwunden, der Körper verändert – doch dahinter steckt eine viel ernstere Geschichte

Johann Lafer sitzt in seiner Testküche im rheinland-pfälzischen Guldental. Eigentlich ist dieser Ort dafür geschaffen, dass gekocht, probiert und gelacht wird. Ein Tisch bietet Platz für rund 20 Personen, und selbst jetzt lässt Lafer offenbar niemanden einfach gehen, ohne wenigstens etwas zu essen zu bekommen.

Doch diesmal ist vieles anders.

Der bekannte Fernsehkoch trägt eine Mütze. Sein berühmter Schnurrbart ist verschwunden. Sein Gesicht wirkt verändert, sein Körper deutlich schmaler als früher. Für die Menschen, die Johann Lafer seit Jahrzehnten aus dem Fernsehen kennen, sind das auffällige Veränderungen.

Und genau diese Veränderungen hatten bereits vor seiner öffentlichen Bekanntgabe für zahlreiche Spekulationen gesorgt.

Was war mit Johann Lafer passiert?

Warum hatte er so stark abgenommen?

Warum waren seine Haare verschwunden?

Und vor allem: Warum war plötzlich auch sein Markenzeichen, der Schnurrbart, nicht mehr da?

Lange wollte Lafer darüber nicht sprechen.

Doch irgendwann war die Situation für ihn kaum noch zu verbergen.

In einem ausführlichen Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erzählt der heute 68-Jährige nun sehr offen über seine Erkrankung, die Behandlung und darüber, wie sich sein Leben dadurch verändert hat.

Dabei wird schnell deutlich, dass hinter seinem veränderten Erscheinungsbild eine lange Geschichte steckt.

Die Diagnose kam nicht plötzlich.

Sie wurde bereits vor knapp drei Jahren gestellt.

Lafer erinnert sich an eine Untersuchung während einer seiner regelmäßigen Fastenkuren. Ein Arzt bemerkte dabei einen auffälligen Schatten in seiner Leistengegend. Schmerzen hatte der Koch zu diesem Zeitpunkt keine. Er fühlte sich offenbar nicht krank.

Genau das machte die Nachricht später umso schwerer.

Denn Lafer hatte zunächst gehofft, dass sich das Problem vielleicht von selbst erledigen würde. Er wollte seine Familie nicht unnötig beunruhigen und hielt die Diagnose zunächst sogar vor seinen Kindern geheim.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Silvia erzählte er ihnen schließlich von der Erkrankung.

Doch selbst danach blieb die Krankheit lange etwas, das Lafer möglichst für sich behalten wollte.

Er wollte weiterarbeiten.

Er wollte seinen Alltag behalten.

Und vor allem wollte er nicht, dass seine Krankheit plötzlich die gesamte öffentliche Wahrnehmung seiner Person bestimmt.

Doch als sein äußeres Erscheinungsbild sich immer stärker veränderte, wurde diese Entscheidung schwieriger.

Menschen stellten Fragen.

In sozialen Netzwerken und Medien entstanden Vermutungen.

Lafer berichtet von zahlreichen Nachrichten und Spekulationen. Manche Menschen vermuteten eine Midlife-Crisis, andere dachten an eine Abnehmspritze oder sogar an eine neue Beziehung.

Für ihn war schließlich klar: Er musste selbst erklären, was wirklich dahintersteckte.

Im Mai machte er seine Erkrankung öffentlich.

Doch selbst dieser Schritt fiel ihm nicht leicht.

Er habe lange damit gehadert, seine Krankheit in die Öffentlichkeit zu tragen, erklärte er. Gleichzeitig habe er nach der Bekanntgabe eine gewisse Erleichterung verspürt. Plötzlich musste er keine Ausreden mehr finden, wenn jemand nach seinem veränderten Aussehen fragte.

Dann kam die Behandlung.

Lafer spricht offen über die Chemotherapie, die er als äußerst anstrengend beschreibt. Inzwischen hatte er sechs Zyklen hinter sich. Gleichzeitig betont er, dass es unterschiedliche Formen des Lymphdrüsenkrebses gibt und die richtige Behandlung nicht immer von Anfang an eindeutig feststeht.

Trotzdem versucht er, seinen Humor nicht zu verlieren.

Besonders bemerkenswert ist eine Kleinigkeit, die für einen Koch wie Lafer eine enorme Bedeutung hat.

Während der Chemotherapie verlor er zeitweise seinen Geschmack.

Für einen Menschen, dessen gesamtes Berufsleben auf Gerichten, Aromen und dem perfekten Zusammenspiel von Zutaten basiert, muss das eine außergewöhnliche Erfahrung gewesen sein.

Doch inzwischen ist sein Geschmack teilweise zurückgekehrt.

Er erzählt sogar, dass er bei einer Verkostung von Parmaschinken wieder feststellen konnte, wenn etwas zu salzig war.

Für einen normalen Menschen mag das banal klingen.

Für Johann Lafer ist es ein kleines Zeichen dafür, dass ein wichtiger Teil seiner beruflichen Welt zurückgekehrt ist.

Noch auffälliger ist allerdings die Veränderung seines Äußeren.

Sein Schnurrbart, der über Jahrzehnte zu seinem Erscheinungsbild gehört hatte, ist verschwunden.

Doch überraschenderweise empfindet Lafer diesen Verlust nicht ausschließlich als Nachteil.

Im Gegenteil.

Ohne Bart und mit Mütze wird er häufig nicht erkannt.

Und plötzlich kann der bekannte Fernsehkoch Dinge tun, die früher kaum möglich gewesen wären.

Er erzählt von einem Besuch auf einem Flohmarkt in Hamburg. Dort konnte er stundenlang herumlaufen, stöbern und mit Menschen sprechen, ohne ständig als Johann Lafer erkannt zu werden.

Ein Mann bemerkte schließlich nur, dass er eine Stimme habe, die stark nach Lafer klinge.

Für den Koch war diese neue Anonymität offenbar beinahe befreiend.

Doch der fehlende Schnurrbart ist nicht die einzige Veränderung.

Lafer hat auch gelernt, Grenzen zu setzen.

Früher wollte er offenbar möglichst oft für andere da sein. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der immer funktionieren wollte und gerne allen gefallen wollte.

Die Krankheit hat diese Haltung verändert.

Heute erlaubt er sich eher, Termine abzusagen, wenn sein Körper es verlangt.

Gleichzeitig zieht er sich nicht vollständig aus seinem Berufsleben zurück.

Das wäre für ihn offenbar ebenfalls keine Lösung.

Arbeit gibt ihm Struktur.

Sie hält ihn aktiv.

Und er möchte seine langjährigen Projekte nicht einfach aufgeben.

Auch deshalb arbeitet er weiter und übernimmt weiterhin große Aufgaben. So ist er unter anderem für das kulinarische Konzept von täglich rund 40.000 Essen für die Lufthansa Business Class verantwortlich.

Doch während Lafer nach außen weiter aktiv bleibt, beschäftigt ihn eine viel grundlegendere Frage.

Was hat sein bisheriges Leben mit seiner heutigen Situation zu tun?

Jahrzehntelang lebte er mit enormem Tempo.

Er kochte, schrieb Bücher, produzierte Fernsehsendungen, entwickelte Produkte, führte Unternehmen und arbeitete an immer neuen Projekten.

Er selbst fragt sich inzwischen, ob seine Krankheit möglicherweise etwas mit diesem extremen Lebensrhythmus zu tun haben könnte.

Ob er zu wenig Freizeit hatte.

Ob bestimmte Probleme nie richtig verarbeitet wurden.

Ob er zu lange einfach immer weitergemacht hat.

Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht.

Aber die Frage beschäftigt ihn.

Und vielleicht ist genau das einer der persönlichsten Momente des gesamten Gesprächs.

Denn Johann Lafer spricht nicht nur über Krebs.

Er spricht über Vergänglichkeit.

Über Erfolg.

Über den Druck, immer funktionieren zu müssen.

Und über die Erkenntnis, dass selbst eine jahrzehntelange Karriere einen Menschen nicht davor schützt, irgendwann mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert zu werden.

Dabei möchte er nicht als jemand gesehen werden, der sich seinem Schicksal einfach ergibt.

Im Gegenteil.

Er arbeitet weiter.

Er kocht weiter.

Er entwickelt weiter Ideen.

Und er versucht, sein Leben Schritt für Schritt an seine neue Situation anzupassen.

Gleichzeitig hat er gelernt, dass nicht jede Grenze überschritten werden muss.

Manchmal bedeutet Stärke auch, einen Termin abzusagen.

Oder Hilfe anzunehmen.

Oder einfach zu sagen: Heute geht es nicht.

Für jemanden wie Lafer, der jahrzehntelang daran gewöhnt war, immer präsent zu sein, ist auch das eine Veränderung.

Und dann kommt im Interview der vielleicht wichtigste Punkt.

Denn über seine Erkrankung wurde zuvor bereits vieles geschrieben.

Es gab Spekulationen.

Es gab verkürzte Aussagen.

Es gab sogar eine besonders drastische Behauptung, die Lafer ausdrücklich zurückweist.

Er erklärt, dass er keine Metastasen habe und eine entsprechende Aussage von ihm so nicht gefallen sei. Gleichzeitig betont er, dass er medizinische Details und Entscheidungen seiner Ärzte sowie seine persönliche und familiäre Situation für sich behalten möchte.

Damit zieht er eine klare Grenze.

Er möchte über seine Krankheit sprechen.

Aber nicht alles über seine Krankheit gehört in die Öffentlichkeit.

Und genau darin liegt eine der überraschendsten Seiten seines Interviews.

Der Mann, den Millionen Menschen seit Jahrzehnten zu kennen glauben, zeigt, dass die Öffentlichkeit eben nicht alles über ihn weiß.

Sein Leben bestand lange aus Erfolg, Fernsehen und Genuss.

Doch hinter dieser Fassade gab es eine Krankheit, die er über Jahre mit sich trug, ohne dass seine Zuschauer davon wussten.

Heute versucht er, beides miteinander zu verbinden: die Realität seiner Erkrankung und seinen Wunsch, weiterzuleben und zu arbeiten.

Und am Ende findet Lafer selbst Worte, die viel weiter reichen als seine Karriere als Fernsehkoch.

Johann Lafer über seine Krebserkrankung: "Eine Chemotherapie ist kein  Spaziergang" - Gesellschaft - SZ.de

Er sagt sinngemäß, dass jeder Mensch nur Gast auf dieser Erde sei und sich irgendwann der eigenen Vergänglichkeit stellen müsse. Anerkennung habe am Ende keinen großen Wert.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus seinem Gespräch.

Hinter dem verschwundenen Schnurrbart, dem veränderten Aussehen und der Mütze steckt nicht einfach eine neue Phase im Leben des bekannten Fernsehkochs. Johann Lafer kämpft seit Jahren mit einem Non-Hodgkin-Lymphom und hat inzwischen sechs Zyklen Chemotherapie hinter sich. Gleichzeitig arbeitet er weiter, weil ihm sein Beruf Struktur und Kraft gibt. Und trotz der Belastung will er nicht sein gesamtes bisheriges Leben von der Krankheit bestimmen lassen.

Was für die Zuschauer zunächst nur wie eine auffällige äußerliche Veränderung aussah, war deshalb tatsächlich das sichtbare Zeichen eines Kampfes, den Johann Lafer lange weitgehend privat geführt hatte.

Heute spricht er darüber.

Aber er entscheidet selbst, wie viel davon die Öffentlichkeit erfahren darf.

Und vielleicht ist genau das für einen Menschen, der jahrzehntelang im Rampenlicht stand, eine der wichtigsten Veränderungen überhaupt: Nicht mehr immer alles zeigen zu müssen – sondern selbst zu entscheiden, was hinter dem bekannten Gesicht bleiben darf.