Wer an Olivia Jones denkt, hat wahrscheinlich sofort ein sehr bestimmtes Bild vor Augen: auffälliges Make-up, blonde Perücke, hohe Schuhe, extravagante Kleidung und ein Lächeln, das man kaum übersehen kann. Doch hinter dieser schillernden Erscheinung steckt weit mehr als eine bekannte Dragqueen. Olivia Jones ist eng mit Hamburg verbunden – genauer gesagt mit St. Pauli, einem Stadtteil, der ebenso widersprüchlich, bunt und ungewöhnlich ist wie sie selbst.
Seit Jahren gehört ihr Name zur Hamburger Kulturszene. Für viele Besucher ist Olivia Jones längst zu einem Symbol für St. Pauli geworden. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass ausgerechnet dieses Viertel eine so zentrale Rolle in ihrem Leben spielte? Die Antwort beginnt nicht mit Ruhm, großen Fernsehauftritten oder ihren bekannten Lokalen, sondern mit einer Idee, die zunächst erstaunlich einfach wirkte.
Im Jahr 2006 begann Olivia Jones mit ihren berühmten Kieztouren durch St. Pauli. Damals konnte wohl kaum jemand vorhersehen, welche Dimension dieses Projekt einmal erreichen würde. Aus Spaziergängen durch das legendäre Viertel entwickelte sich nach und nach ein eigenes kleines Universum. Die Reeperbahn, die Große Freiheit und die vielen Geschichten des Kiezes wurden zur Bühne.
Dabei wollte Olivia Jones offenbar nie einfach nur Touristen durch Hamburg führen. Ihr Ansatz war persönlicher. St. Pauli sollte nicht wie ein gewöhnliches Ausflugsziel wirken, sondern als Ort, an dem Menschen, Geschichten und unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinandertreffen.
Und genau darin liegt eine der interessantesten Parallelen zwischen Olivia Jones und ihrer Wahlheimat.
St. Pauli ist seit Jahrzehnten für seine ungewöhnliche Mischung bekannt. Nachtleben, Musik, Theater, Gastronomie, Subkultur und Menschen mit den unterschiedlichsten Biografien treffen hier aufeinander. Für eine Persönlichkeit wie Olivia Jones bot dieses Umfeld offensichtlich genau den Raum, den sie suchte.
Mit der Zeit entstand rund um sie eine regelrechte „Familie“. Dazu gehören Dragkünstler, Entertainer, Burlesque-Stars und weitere Persönlichkeiten, deren Lebensgeschichten teilweise ebenso ungewöhnlich sind wie ihre Bühnenauftritte. Gemeinsam entstand ein Unternehmen, das Olivia Jones selbst als eines der „farbigsten Familienunternehmen Deutschlands“ bezeichnet.
Heute umfasst ihr Team nach eigenen Angaben rund 100 Mitarbeiter. Aus den ursprünglichen Kieztouren wurde ein deutlich größeres Konzept mit Bars, Clubs, Shows und weiteren Angeboten. Besonders die Große Freiheit spielt dabei eine wichtige Rolle.
Wer dort unterwegs ist, begegnet einer Welt, die mit dem klassischen Hamburg-Bild wenig zu tun hat. Zwischen bekannten Straßen und historischen Orten findet sich eine Szene, in der Unterhaltung und gesellschaftliche Themen miteinander verbunden werden.
Doch hinter der ausgelassenen Atmosphäre steckt eine zweite Seite.
Olivia Jones hat ihre Bekanntheit immer wieder genutzt, um über Toleranz, Respekt und Vielfalt zu sprechen. Ihre öffentliche Rolle beschränkte sich deshalb nie ausschließlich auf Unterhaltung. Sie wollte bewusst zeigen, dass Menschen nicht in einfache Kategorien passen müssen.
Schon 2004 sorgte sie international für Aufmerksamkeit, als sie als Dragqueen für ein politisches Amt kandidierte. Es ging dabei vor allem um ein Zeichen für Toleranz und gesellschaftliche Vielfalt. Einige Jahre später berichtete sie für eine bekannte Fernsehsendung sogar von einem Parteitag der rechtsextremen NPD – eine Aktion, die ebenfalls für große mediale Aufmerksamkeit sorgte.
Auch außerhalb des Fernsehens setzte sie Akzente. 2015 erschien ihr Kinderbuch, das sich auf humorvolle Weise mit Toleranz und Vielfalt beschäftigt. Die Geschichte spielt in einem ungewöhnlichen Dorf, in dem traditionelle Rollen vertauscht sind und unterschiedliche Familienformen selbstverständlich erscheinen.

Ein Jahr später folgte ein weiterer ungewöhnlicher Moment: Olivia Jones moderierte das „Wort zum Sonntag“, eine bundesweit ausgestrahlte kirchliche Fernsehsendung. Für eine Dragqueen war das alles andere als alltäglich.
Auch politisch wurde sie wahrgenommen. 2017 gehörte Olivia Jones zu den ausgewählten Deutschen, die im Reichstagsgebäude an der Wahl des Bundespräsidenten teilnehmen durften.
Wer diese Stationen betrachtet, erkennt schnell, dass hinter der auffälligen Bühnenfigur ein bewusst aufgebautes öffentliches Profil steht. Die extravagante Erscheinung ist dabei nicht verschwunden – im Gegenteil. Sie ist ein wichtiger Teil ihrer Identität. Aber sie ist eben nur ein Teil.
Besonders interessant ist deshalb die Entwicklung ihres „Familienunternehmens“. Die Menschen, die mit Olivia Jones arbeiten, bringen häufig eigene ungewöhnliche Lebensgeschichten mit. Einige haben Erfahrungen mit Ausgrenzung, Konflikten oder gesellschaftlichen Vorurteilen gemacht. Gerade daraus entstand ein Umfeld, das laut Olivia-Jones-Team einen geschützten Raum schaffen soll.
Das erklärt auch, weshalb St. Pauli für Olivia Jones mehr bedeutet als eine Adresse.
Hamburg wird auf ihrer eigenen Seite als tolerant und offen beschrieben. St. Pauli wiederum erscheint als ein Ort, an dem Kunst, Kultur und außergewöhnliche Persönlichkeiten nebeneinander existieren können. Für Olivia Jones ist genau diese Mischung offenbar ein wesentlicher Grund, warum sie sich dort so stark verwurzelt hat.
Und dennoch bleibt eine Frage: Was ist eigentlich das Geheimnis hinter ihrem Erfolg?
Es sind nicht allein die bunten Kostüme. Auch nicht nur die bekannten Straßen von St. Pauli oder die vielen Fernsehauftritte. Entscheidend scheint vielmehr die Verbindung aus Unterhaltung, persönlicher Geschichte und einer klaren Haltung zu sein.
Olivia Jones hat aus ihrer Andersartigkeit kein Hindernis gemacht. Sie hat sie zum Mittelpunkt ihrer öffentlichen Persönlichkeit gemacht. Gleichzeitig entstand daraus ein Unternehmen, in dem andere Menschen mit ihren eigenen Geschichten ebenfalls einen Platz finden können.
Genau hier liegt die vielleicht überraschendste Erkenntnis.
Die eigentliche Geschichte von Olivia Jones ist weniger die eines schrillen Stars als die einer Frau, die aus einer ungewöhnlichen Bühnenfigur eine dauerhafte Institution gemacht hat. Was 2006 mit Kieztouren durch St. Pauli begann, entwickelte sich zu einem weit verzweigten Unternehmen mit Bars, Clubs, Shows und einem großen Team.
Und deshalb ist die Antwort auf die Frage, warum Olivia Jones und St. Pauli so eng miteinander verbunden sind, am Ende erstaunlich einfach: Sie haben sich gegenseitig geprägt.
St. Pauli gab Olivia Jones die Bühne, auf der ihre außergewöhnliche Persönlichkeit sichtbar werden konnte. Olivia Jones wiederum machte aus dieser Bühne ein eigenes Universum, in dem Unterhaltung, Nachtleben, Kunst und gesellschaftliche Offenheit miteinander verschmelzen.
Hinter der berühmten Perücke steckt deshalb nicht nur eine TV-Persönlichkeit. Dahinter steht eine Unternehmerin, Entertainerin und öffentliche Stimme, die ihren Erfolg seit Jahren dazu nutzt, Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten zusammenzubringen.
Und genau das ist die Seite von Olivia Jones, die man auf den ersten Blick kaum erkennt: Hinter der schillernden Fassade steckt ein ganzes Lebenswerk – und dessen Mittelpunkt ist bis heute ausgerechnet jener Hamburger Kiez, mit dem alles begann: St. Pauli.