Auf den ersten Blick ist Olivia Jones kaum zu übersehen. Riesige blonde Haare, auffälliges Make-up, glitzernde Outfits und eine Persönlichkeit, die jeden Raum sofort zu beherrschen scheint: Die Hamburger Dragqueen gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Gesichtern der deutschen Unterhaltungswelt. Für viele ist sie die schillernde „Mutti“ von der Reeperbahn, für andere eine Moderatorin, Unternehmerin, Entertainerin und leidenschaftliche Kämpferin für mehr Toleranz.
Doch hinter der Kunstfigur steckt ein Lebensweg, der wesentlich bewegender ist, als es die bunten Auftritte vermuten lassen.
Olivia Jones wurde 1969 als Oliver Knöbel in Springe bei Hannover geboren. Heute ist sie ein norddeutsches Original und eine feste Größe in der deutschen TV-Landschaft. GALA beschreibt sie als schrilles Huhn, knallharte Unternehmerin und eine der bekanntesten Dragqueens Deutschlands. Doch bis zu diesem Punkt war es ein langer Weg.
Schon als Kind faszinierte Oliver die Welt der Verwandlung. Während andere Kinder vielleicht davon träumten, später einen klassischen Beruf zu ergreifen, fühlte er sich früh von auffälligen Kostümen, Musik und Bühnen angezogen. Die Reaktion seiner Umgebung war allerdings nicht immer positiv. In seiner Familie sorgte sein Auftreten zunächst für Unverständnis. Ein gewöhnlicher Berufsweg wäre manchen offenbar lieber gewesen.
Doch Oliver hatte andere Pläne.
Mit 15 Jahren sah er zum ersten Mal eine Travestieshow. Dieses Erlebnis sollte für ihn zu einem Wendepunkt werden. Er war fasziniert von der Möglichkeit, auf der Bühne eine völlig andere Figur zu erschaffen. Bereits mit 17 Jahren trat er abends auf, während er am nächsten Morgen wieder in die Schule ging. Gleichzeitig bekannte er sich offen zu seiner Homosexualität – in einer Zeit, in der dies keineswegs selbstverständlich war.
Sein Weg führte ihn schließlich nach Hamburg. 1989 zog Oliver als Olivia in die Hansestadt und lernte dort Ernie Reinhardt alias Lilo Wanders kennen. Reinhardt erkannte das außergewöhnliche Potenzial der jungen Dragqueen und verschaffte ihr erste Auftrittsmöglichkeiten.
Auch der Name „Olivia Jones“ entstand nicht zufällig. Die Figur sollte einen Namen tragen, der vielseitig genug für Comedy, Unterhaltung und möglicherweise sogar eine internationale Karriere war. Eine wichtige Inspiration war die Sängerin Grace Jones.
Aus dieser Idee wurde schließlich eine Marke.

1997 gelang Olivia Jones der internationale Durchbruch: In Miami gewann sie den Titel „Miss Dragqueen of the World“. Dieser Erfolg öffnete weitere Türen. Plötzlich wurde aus der Hamburger Travestiekünstlerin eine gefragte TV-Persönlichkeit. Auftritte, Moderationen und Veranstaltungen folgten. Sie arbeitete unter anderem für den NDR, moderierte Veranstaltungen und engagierte sich bei Benefizaktionen.
Doch Olivia Jones wollte sich nie ausschließlich über ihre Auftritte definieren.
Sie baute sich ein eigenes Unternehmen auf und wurde zu einer der auffälligsten Unternehmerinnen auf der Hamburger Reeperbahn. Bars, Clubs, Kieztouren und Bootstouren gehören zu ihrem Geschäft. Sie selbst beschrieb ihre Tätigkeit einmal sinngemäß als Kombination aus Wirtin, Moderatorin, „Mutti“, Kiez-Tour-Guide und Galionsfigur. Genau daraus entstand ihr selbstironischer Begriff „Multifunktionstranse“.
Auch im Fernsehen wurde ihre Präsenz immer größer.
Olivia Jones war unter anderem beim „Dschungelcamp“ dabei und belegte dort den zweiten Platz. Später wurde sie als Moderatorin rund um das RTL-„Dschungelcamp“ zu einer festen Größe. Seit 2022 ist sie außerdem als Gastgeberin von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! Die Stunde danach“ zu sehen. Ebenfalls seit 2022 moderiert sie „Das große Promi-Büßen“.
Dabei entwickelte sie eine besondere Fähigkeit: Sie kann gleichzeitig laut und herzlich, frech und nachdenklich sein.
Hinter der grellen Erscheinung steckt eine Frau, die ihre eigene Vergangenheit nie vergessen hat.
Ihre Jugend war nicht einfach. GALA berichtet, dass ihr Vater die Familie verließ, als Oliver sieben Jahre alt war. Er setzte sich nach Brasilien ab, nachdem er eine große Summe Geld veruntreut hatte. Auch die eigene sexuelle Orientierung wurde in der Familie zunächst nicht offen akzeptiert. Olivia berichtete später von verletzenden Reaktionen und davon, dass sie sich ihren Platz im Leben erst hart erkämpfen musste.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie sich bis heute so stark für andere einsetzt.
Olivia Jones engagiert sich für Vielfalt und Toleranz, unterstützt Projekte und setzt sich für Aufklärung ein. Sie schrieb sogar ein Kinderbuch, das Kindern auf verständliche Weise unterschiedliche Formen von Beziehungen näherbringen soll. Für ihr Engagement wurde sie 2024 mit dem Deutschen Lesepreis ausgezeichnet – unter anderem für ihren Einsatz für Vielfalt, Toleranz und Leseförderung.
Doch es gibt noch eine Seite von Olivia Jones, die viele Zuschauer lange kaum kannten.
Hinter der selbstbewussten Bühnenfigur verbargen sich auch persönliche Krisen. In ihrem Buch „Ungeschminkt“ sprach sie offen über Depressionen und Burnout. Damit zeigte sie eine verletzlichere Seite, die im Kontrast zu ihrer bekannten Bühnenpersönlichkeit steht.
Und dann kam ein weiterer Schritt, der ihre Geschichte noch einmal in ein anderes Licht rückte.
2026 wurde im ZDF ein Spielfilm über ihr Leben ausgestrahlt. Der Film „Olivia“ erzählt die Geschichte von Oliver Knöbel und seinem Weg zur bekannten Dragqueen. Für Olivia selbst war dieses Projekt offenbar emotional. Sie sprach von Stolz und Demut und davon, was möglich werden könne, wenn man seinem Herzen folgt.
Damit wurde aus ihrer persönlichen Geschichte endgültig eine öffentliche Lebensgeschichte.
Aber auch ihr Aussehen sorgt immer wieder für Aufmerksamkeit.
Olivia Jones steht offen zu Schönheitsoperationen. Ihre Erscheinung ist schließlich ein Teil ihrer Kunstfigur und ihrer öffentlichen Identität. GALA berichtet außerdem von einer ungewöhnlichen Operation: In der Vergangenheit ließ sie sich die Beine verkürzen, nachdem unterschiedlich lange Beine zu Schmerzen geführt hatten.
Genau solche Details zeigen, wie wenig sich Olivia Jones in eine gewöhnliche Schublade stecken lässt.
Sie ist Entertainerin und Geschäftsfrau. Sie ist TV-Gesicht und Aktivistin. Sie ist laut, extravagant und selbstironisch – kann aber gleichzeitig über schwierige Erfahrungen sprechen, ohne ihre Verletzlichkeit zu verstecken.
Und vielleicht liegt genau darin ihr größter Erfolg.
Denn Olivia Jones hat nicht versucht, sich an die Erwartungen anderer anzupassen. Sie hat aus dem, was einst für Irritation sorgte, ihre größte Stärke gemacht.
Die wichtigste Überraschung ihrer Geschichte liegt deshalb nicht in ihren spektakulären Outfits oder ihrer außergewöhnlichen Karriere.
Sie liegt viel früher.
Der Mensch hinter Olivia Jones hieß Oliver Knöbel – und aus einem Jungen, der bereits früh mit Ablehnung und schwierigen familiären Erfahrungen umgehen musste, wurde schließlich eine der bekanntesten Dragqueens Deutschlands. Was einst für viele in seinem Umfeld schwer verständlich war, wurde später zu seiner größten Stärke: Olivia Jones machte aus ihrer Andersartigkeit eine Karriere, ein Unternehmen und eine öffentliche Stimme für Menschen, die selbst noch nicht den Mut gefunden haben, ihren eigenen Weg zu gehen.
