Wolfgang Niedecken überlebte einen Moment, der sein Leben hätte beenden können – zehn Jahre später spricht er darüber, was ihm heute durch den Kopf geht

Wolfgang Niedecken gehört zu den Musikern, deren Stimme für eine ganze Generation untrennbar mit deutscher Rockmusik verbunden ist. Als Frontmann der Kölner Band BAP schrieb er Musikgeschichte, stand jahrzehntelang auf Bühnen und wurde zu einer der prägenden Figuren des Kölsch-Rock. Doch hinter der lässigen Erscheinung mit weißer Haarmähne, Bart und Sonnenbrille verbirgt sich eine persönliche Geschichte, die weit weniger unbeschwert ist.

Denn vor rund zehn Jahren hätte sein Leben beinahe eine völlig andere Wendung genommen.

Heute blickt Niedecken auf diese Zeit mit einer besonderen Mischung aus Dankbarkeit, Gelassenheit und Nachdenklichkeit zurück. An seinem 70. Geburtstag sagte er, dass man bei dieser Zahl durchaus darüber nachdenke, „wie lang’s noch weitergeht“. Für einen Musiker, der sein Leben lang auf der Bühne stand, klingt dieser Satz zunächst überraschend. Doch wenn man weiß, was er bereits hinter sich hat, bekommt er eine ganz andere Bedeutung.

Niedecken war nie jemand, der sich besonders für große Jubiläen begeisterte. Zahlen hätten für ihn keine besondere Bedeutung, erklärte er. Doch mit 70 sei es wohl erlaubt, einmal zurückzublicken.

Und dieser Rückblick führt unweigerlich zu einem Ereignis, das sein gesamtes Verhältnis zum Leben verändert hat.

Es war das Jahr 2011.

Wolfgang Niedecken erlitt einen schweren Schlaganfall. Damals war er gerade einmal 60 Jahre alt. Für seine Familie und sein Umfeld begann eine Zeit großer Unsicherheit. Plötzlich stand nicht mehr die nächste Tournee oder das nächste Album im Mittelpunkt, sondern eine viel grundlegendere Frage: Wie würde es weitergehen?

Heute sieht man dem Musiker die Folgen kaum an. Doch Niedecken selbst weiß, wie knapp es damals war.

In seinen Erinnerungen beschreibt er rückblickend, dass er nicht beruhigt gestorben wäre. Der Tod hätte ihn gewissermaßen auf dem falschen Fuß erwischt. Alles, was danach noch kam, betrachtet er deshalb als eine Art Zugabe.

Diese Einstellung scheint viel über den Menschen Wolfgang Niedecken zu verraten.

Denn er spricht nicht davon, dass er seitdem ständig Angst vor dem Tod habe. Vielmehr scheint die Erfahrung seinen Blick auf die verbleibende Zeit verändert zu haben.

Plötzlich wird ein weiteres Konzert wichtiger.

Ein neues Lied bekommt eine andere Bedeutung.

Ein gemeinsamer Morgen mit der Familie ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

Und genau hier kommt seine Familie ins Spiel.

Besonders wichtig war für Niedecken seine Ehefrau Tina. Sie war es, die 2011 die ersten Anzeichen seines Schlaganfalls richtig deutete und sofort einen Notarzt rief. Niedecken bezeichnete sie deshalb als seinen Schutzengel und seine Lebensretterin.

Was wäre passiert, wenn sie die Symptome nicht erkannt hätte?

Diese Frage lässt sich nicht beantworten.

Aber Niedecken weiß, dass ihm dadurch möglicherweise viele Jahre geschenkt wurden.

Und diese Jahre waren keineswegs ereignislos.

Nach seiner Erkrankung kehrte er wieder zur Musik zurück. BAP veröffentlichte neue Alben, es folgten Tourneen und zahlreiche Projekte. 2013 erschien sein Soloalbum „Zosamme alt“, später kamen weitere Arbeiten mit BAP hinzu. Das Live-Album „Familienalbum“ erreichte sogar Platz eins der deutschen Charts.

Doch offenbar war der berufliche Erfolg für ihn nicht das Wichtigste.

Viel entscheidender wurde die Familie.

Besonders bewegend war für Niedecken die Geburt seiner Enkel. Innerhalb von nur neun Tagen wurden Noah und Quinn geboren. Die beiden kamen ausgerechnet in jenem Kölner Krankenhaus zur Welt, in dem auch ihr Großvater 70 Jahre zuvor geboren worden war.

Für den Musiker muss dieser Zufall eine besondere Bedeutung gehabt haben.

Das Leben, das sich Jahrzehnte zuvor in Köln begonnen hatte, setzte sich plötzlich in der nächsten Generation fort.

Und während Niedecken auf seine Vergangenheit blickte, dachte er gleichzeitig über seine Zukunft nach.

Denn trotz seines Alters wollte er keineswegs ans Aufhören denken.

Von Ruhestand hielt er wenig.

Auf die Frage, wann für ihn Schluss sei, antwortete er sinngemäß: nicht, solange er noch könne. Sein Blick war bereits auf das nächste große Jubiläum gerichtet. BAP sollte 2026 das 50-jährige Bestehen feiern.

Doch dann kam etwas, womit niemand rechnen konnte.

Die Corona-Pandemie stellte seine Pläne infrage.

Geplante Auftritte mussten abgesagt werden. Auch ein Konzert zu seinem 70. Geburtstag in der Kölner Lanxess-Arena konnte nicht wie geplant stattfinden. Niedecken wollte sich mit einem Online-Auftritt nicht zufriedengeben. Für ihn gehört Musik auf eine echte Bühne, vor ein echtes Publikum.

Also wurde verschoben.

Nicht aufgegeben.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Niedecken hatte bereits einmal erlebt, wie schnell das Leben einen Menschen aus seinen gewohnten Bahnen werfen kann. Vielleicht war genau deshalb die Vorstellung, wegen einer Pandemie endgültig auf seine Pläne zu verzichten, für ihn keine Option.

Er wollte warten.

Und weitermachen.

Dabei ist bemerkenswert, dass Niedecken trotz seiner Erfahrungen nicht verbittert wirkt. Im Gegenteil. Er strahlt nach außen eine große innere Ruhe aus. Er selbst erklärt diese Zufriedenheit unter anderem damit, dass er seine Leidenschaft zum Beruf machen konnte und gleichzeitig nichts mehr beweisen müsse.

Das klingt beinahe wie eine Lebensbilanz.

Ein Mann, der jahrzehntelang erfolgreich war, muss niemandem mehr zeigen, dass er es geschafft hat.

Er kann einfach tun, was er liebt.

Musik machen.

Geschichten erzählen.

Reisen.

Schreiben.

Menschen treffen.

Und seine Familie genießen.

Auch seine Verbindung zu den USA und zu seinem großen Vorbild Bob Dylan blieb bestehen. Niedecken beschäftigte sich in einem Buch mit seinen Begegnungen mit dem legendären Singer-Songwriter und reiste auf dessen Spuren durch Amerika.

Doch trotz aller internationalen Verbindungen blieb Köln seine Heimat.

Dort kennt man ihn.

Dort kennt er die Menschen.

Dort liegen seine Eltern begraben.

Und dort erinnert ihn vieles an seine eigene Vergangenheit.

Ein besonders symbolischer Ort ist der Kölner Südfriedhof, auf dem seine Eltern liegen. Genau dort entstand auch einer der bekanntesten Songs von BAP: „Verdamp lang her“. Das Lied beschäftigt sich mit dem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater, der seine künstlerischen Ambitionen zunächst nicht unbedingt unterstützte.

Mit zunehmendem Alter betrachtet Niedecken diese Vergangenheit offenbar etwas milder.

Er sagt über seinen Vater, dieser sei ein herzensguter Mensch gewesen und habe sich letztlich immer Sorgen um ihn gemacht. Seit Niedecken selbst Vater sei, könne er manche Dinge besser nachvollziehen.

Das ist vielleicht eine weitere Veränderung, die mit den Jahren kommt.

Man betrachtet die eigenen Eltern nicht mehr nur als Mutter und Vater, sondern irgendwann auch als Menschen mit ihren eigenen Ängsten, Fehlern und Hoffnungen.

Und vielleicht hat gerade der eigene Schlaganfall Niedecken geholfen, das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Denn nach einem solchen Erlebnis verändern sich Prioritäten.

Was früher dringend erschien, kann plötzlich unwichtig wirken.

Und was früher selbstverständlich war, wird kostbar.

Ein Konzert.

Ein Familienessen.

Ein Gespräch.

Ein Morgen.

Ein neues Lied.

Ein weiteres Jahr.

Niedecken hat nach seinem Schlaganfall noch viele solcher Momente erlebt. Seine Karriere ging weiter, seine Familie wuchs, BAP feierte weitere Erfolge und neue Pläne entstanden.

Und dennoch blieb die Erinnerung an jenen Moment.

Den Moment, in dem alles hätte vorbei sein können.

Vielleicht erklärt genau das seinen Satz über das Alter von 70 Jahren.

„Mal sehen, wie lang’s noch weitergeht.“

Es klingt nicht nach Abschied.

Es klingt eher nach einem Menschen, der weiß, dass niemand die Zukunft garantieren kann – und gerade deshalb jeden weiteren Abschnitt bewusst erleben möchte.

Denn eines hat Wolfgang Niedecken offenbar gelernt: Man sollte nicht darauf warten, dass irgendwann der perfekte Zeitpunkt kommt.

Man sollte anfangen, solange es möglich ist.

Musik machen, solange die Stimme reicht.

Auf die Bühne gehen, solange die Kraft da ist.

Mit den Menschen zusammen sein, die einem wichtig sind.

Und Pläne machen, auch wenn niemand weiß, ob sie tatsächlich umgesetzt werden können.

Am Ende liegt die überraschendste Wahrheit seiner Geschichte deshalb nicht in seinem 70. Geburtstag.

Sie liegt zehn Jahre davor.

Wolfgang Niedecken hatte bereits mit 60 Jahren einen schweren Schlaganfall und war dem Tod damals erschreckend nahe. Die Jahre danach betrachtet er deshalb nicht als selbstverständlich, sondern als Geschenk – und genau deshalb denkt der BAP-Frontmann offenbar noch lange nicht daran, seine Musik und die Bühne freiwillig hinter sich zu lassen.