Hinter der schillernden Fassade der glamourösen deutschen Unterhaltungswelt verbirgt sich die tiefgründige, emotionale und absolut faszinierende Lebensgeschichte eines Mannes, der die Tabus einer ganzen Generation brach. Die Rede ist von Ernie Reinhardt, dem Mann, der hinter der legendären Kunstfigur Lilo Wanders steckt und als scharfzüngige Popikone der Reeperbahn sowie als visionäre Moderatorin der Kult-Sexshow Wa(h)re Liebe deutsche Fernsehgeschichte schrieb. Doch dieser triumphale Aufstieg vom schüchternen Provinzkind aus der tiefsten niedersächsischen Provinz bis hin zum absolut unumstrittenen Star des Hamburger Schmidt Theaters war in Wahrheit ein zutiefst steiniger, tränenreicher und von extremen gesellschaftlichen Widerständen geprägter Weg, der dem Künstler im Laufe der Jahrzehnte alles abverlangte.
Geboren wurde Ernie Reinhardt in einer strengen, extrem konservativen Welt, in der für Andersartigkeit, schrille Träume oder das Ausleben der eigenen Homosexualität absolut kein Platz war. Aufgewachsen als klassisches Provinzkind, spürte er schon extrem früh eine tiefe, quälende Zerrissenheit in seinem Inneren und den unbändigen Drang, der Enge der Heimat zu entfliehen. Als es ihn schließlich in die raue, pulsierende Metropole Hamburg zog, öffnete sich für den jungen Mann eine völlig neue Welt voller Freiheit und radikaler Selbstentfaltung. Auf den staubigen und verruchten Brettern des Schmidt Theaters auf St. Pauli erblickte schließlich Lilo Wanders das Licht der Welt – eine blonde, schrille Kunstfigur mit perfektem Make-up, extravaganten Kleidern und einer unnachahmlichen, direkten Art, die das Publikum von der ersten Sekunde an zutiefst schockierte und gleichermaßen faszinierte.
Der absolute und weltweite mediale Durchbruch gelang Ernie Reinhardt jedoch erst, als er in seiner Rolle als Lilo Wanders die Moderation der damals revolutionären Fernsehsendung Wa(h)re Liebe übernahm. Plötzlich flimmerte diese Kunstfigur in Millionen von deutschen Wohnzimmern und sprach mit einer nie dagewesenen, absolut schonungslosen Offenheit über die intimsten Wünsche der Menschen, über Sexualität, BDSM, Fetische und die wahre Liebe abseits aller starren gesellschaftlichen Normen. Es war ein Balanceakt auf Messers Schneide, der regelmäßig die Zensurbehörden auf den Plan rief und für heftige Kontroversen in den Chefetagen der Fernsehsender sorgte. Doch Ernie Reinhardt blieb seiner Rolle treu, kämpfte erbittert für die sexuelle Aufklärung und wurde so zu einem der wichtigsten Vorreiter für die Akzeptanz und Gleichberechtigung der gesamten LGBTQ-Community in Deutschland.

Hinter den Kulissen des hellen Rampenlichts war das Leben als Lilo Wanders jedoch eine permanente emotionale Zerreißprobe und eine enorme psychische Belastung für den privaten Menschen Ernie Reinhardt. Die Grenzen zwischen der lauten, scharfzüngigen Kunstfigur auf der Bühne und dem feinfühligen, nach Ruhe suchenden Mann im Privatleben verschwammen über die Jahre hinweg immer mehr, was zu tiefen Identitätskrisen und Momenten der totalen Einsamkeit führte. Heute blickt der gealterte Künstler mit einer Mischung aus Stolz, Melancholie und tiefem Respekt auf sein wildes Lebenswerk zurück. Er hat der Welt bewiesen, dass man aus der tiefsten Provinz ausbrechen und die Kulturlandschaft eines ganzen Landes nachhaltig verändern kann. Für seine treuen Fans bleibt er für immer eine unsterbliche Ikone des Kiez, die den Mut hatte, das Unaussprechliche laut auszusprechen.