Ein sonniger Tag auf der nordfriesischen Insel Amrum. Das Meer, der Wind, lange Spaziergänge und die besondere Ruhe, für die die Insel bekannt ist. Für viele Menschen wäre ein solcher Ort der perfekte Platz, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. Für Barbara Rudnik war dieser Tag jedoch weit mehr als nur eine kleine Auszeit.
Die bekannte deutsche Schauspielerin befand sich 2009 mitten in einer Lebensphase, die alles verändert hatte. Gleichzeitig stand sie wieder vor der Kamera. Sie arbeitete an einem ZDF-Fernsehkrimi, genoss einen freien Tag auf der Insel und nahm sich die Zeit für ein ausführliches Gespräch mit Amrum-News.
Was zunächst wie ein entspanntes Interview über eine Filmproduktion begann, entwickelte sich zu einem ungewöhnlich persönlichen Gespräch.
Rudnik war nicht allein auf Amrum, um zu arbeiten. Sie kannte die Insel bereits. Einige Jahre zuvor hatte sie dort den Jahreswechsel verbracht, nachdem sie einer Einladung eines Malers gefolgt war. Nun war sie erneut da – bei sonnigem Wetter und mit ihrer Schwester, die sie über das Wochenende besuchte. Auch ein Hund gehörte zu ihrer kleinen Reisegruppe.
Doch die Anreise hatte es in sich.
Von München war Rudnik zunächst nach Kassel gefahren, wo sie mehrere Tage bei ihrer Familie verbracht und Geburtstage sowie die Osterfeiertage gefeiert hatte. Danach ging es weiter Richtung Hamburg und schließlich zur Fähre nach Amrum. Sie musste sich beeilen, um die Verbindung noch zu erreichen, hatte viel Gepäck dabei und war mit ihrem Hund unterwegs.
Als sie schließlich auf der Insel angekommen war, war sie erschöpft.
Gerade deshalb passte der Strandkorb auf der Terrasse ihres Hotels perfekt. Sonne, Ruhe und ein wenig Zeit zum Durchatmen.
Doch hinter dieser scheinbaren Idylle verbarg sich eine Realität, über die damals bereits viel geschrieben worden war.
Barbara Rudnik kämpfte seit 2005 mit einer schweren, unheilbaren Krebserkrankung. Ihre Krankheit hatte längst Einfluss auf ihr Leben genommen – körperlich, beruflich und finanziell. Trotzdem wollte die Schauspielerin nicht, dass die Öffentlichkeit nur noch auf ihren Gesundheitszustand blickte.
Auf Amrum sprach sie deshalb nicht nur über ihre Krankheit. Sie sprach über Arbeit, Geld, ihre Zukunft und darüber, was es bedeutet, als Schauspielerin weiterleben und arbeiten zu müssen, obwohl der eigene Körper nicht mehr dieselbe Kraft besitzt wie früher.
Dabei war ihre berufliche Situation durchaus bemerkenswert.
Für den neuen Fernsehfilm spielte sie die Figur Carla beziehungsweise Clara, eine Frau, die regelmäßig mit den Männern der Insel am Stammtisch sitzt. Rudnik beschrieb die Rolle als genau richtig für ihre damalige Situation. Sie war nicht riesig, aber interessant. Und vor allem arbeitete sie erneut mit Regisseur Markus Imboden zusammen, den sie sehr schätzte.
Für Rudnik war die Qualität einer Rolle wichtiger als ihre Größe.
Eine große Rolle allein bedeutete für sie nicht automatisch eine gute Rolle. Entscheidend sei vielmehr, ob eine Figur interessant geschrieben sei und ob sie beim Publikum einen Eindruck hinterlassen könne. Eine farblose Figur könne auch ein hervorragender Schauspieler nicht beliebig mit Leben füllen.
Diese Einstellung verrät viel über die Schauspielerin.
Sie wollte offenbar nicht einfach beschäftigt sein. Sie wollte etwas spielen, das ihr Freude machte und einen bleibenden Eindruck hinterließ.
Auch ihre Figur in dem Krimi versprach alles andere als einen gewöhnlichen Auftritt.
Der Film sollte düster und spannend werden. Im Gespräch verriet Rudnik sogar, dass ihre Figur im Verlauf der Handlung selbst zum Opfer werden würde. Eine Geiselnahme, Schüsse und eine brutale Auseinandersetzung mit der russischen Mafia gehörten zur Geschichte.
Doch während die Handlung des Films dramatisch war, war die Realität der Schauspielerin bereits dramatisch genug.
Rudnik sprach offen darüber, dass sie körperlich nicht mehr so fit war wie früher. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass es ihr angesichts ihrer gesundheitlichen Situation erstaunlich gut ging.
Es war ein bemerkenswert nüchterner Umgang mit einem Thema, das für viele Menschen kaum vorstellbar sein dürfte.
Noch überraschender war ihre Antwort auf die Frage, ob die Schauspielerei für sie eine Art Ablenkung von der Krankheit sei.
Nein, sagte sie sinngemäß. Dafür brauche sie ihren Beruf nicht.
Sie brauche die Schauspielerei vor allem, um Geld zu verdienen und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Damit öffnete sich plötzlich eine ganz andere Perspektive.
Denn eine erfolgreiche Schauspielkarriere schützt offenbar nicht automatisch vor finanziellen Schwierigkeiten, wenn die gesundheitliche Situation dazu führt, dass regelmäßige Arbeitszeiten fehlen.
Rudnik berichtete, dass Schauspieler durch die Unterbrechungen zwischen einzelnen Produktionen oft nicht genügend zusammenhängende Arbeitstage erreichen, um bestimmte staatliche Leistungen zu erhalten. Obwohl sie in einem Jahr mehrere Haupt- und Nebenrollen übernommen hatte, habe sie die erforderlichen Zeiten nicht zusammenbekommen.
Für sie war das nicht nur ein persönliches Problem, sondern eine grundsätzliche Ungerechtigkeit.
Sie hatte in erfolgreichen Jahren Steuern gezahlt und konnte während ihrer Erkrankung dennoch nicht auf die Unterstützung zurückgreifen, die sie sich erhofft hatte. Ihre Ersparnisse halfen ihr zwar, eine gewisse Zeit zu überbrücken und bestehende Verpflichtungen zu erfüllen. Doch sie machte keinen Hehl daraus, wie knapp die Situation geworden war.
Und genau an diesem Punkt wurde das Gespräch besonders eindringlich.
Denn Barbara Rudnik war nicht bereit, sich zu verstecken.
Die Öffentlichkeit wusste von ihrer Erkrankung. Die Presse hatte ausführlich darüber berichtet. Doch Rudnik wollte nicht ständig Artikel darüber lesen, wie gesund oder krank sie gerade sei.
Sie wusste allerdings auch, dass ihre Offenheit einen praktischen Grund hatte.
Wenn sie ihre Krankheit komplett verschwiegen hätte, hätte sie möglicherweise Schwierigkeiten gehabt, weiterhin für Rollen besetzt zu werden. Produzenten mussten schließlich wissen, in welchem Umfang sie arbeiten konnte.
Damit stand sie vor einem schwierigen Widerspruch: Sie wollte nicht auf ihre Krankheit reduziert werden – musste aber gleichzeitig offen damit umgehen, um ihre berufliche Zukunft nicht vollständig zu verlieren.
Auf Amrum zeigte sich deshalb eine Seite der Schauspielerin, die hinter Schlagzeilen und Fernsehrollen leicht übersehen werden konnte.
Sie war erschöpft. Sie wusste, dass ihr Körper nicht mehr derselbe war. Sie wusste auch, dass ihre Zukunft unsicher blieb.
Und trotzdem saß sie an einem sonnigen Tag auf einer Terrasse, sprach über ihre Arbeit und dachte über neue Rollen nach.
Vielleicht war genau das ihre Art, mit der Situation umzugehen.
Nicht so zu tun, als wäre alles normal.
Aber auch nicht zu akzeptieren, dass die Krankheit ihr gesamtes Leben bestimmen sollte.
Der vielleicht wichtigste Satz des damaligen Gesprächs kam deshalb ganz am Ende.
Barbara Rudnik machte deutlich, dass sie sich nicht auf Dauer zu Hause verstecken wollte. Sie wusste, dass sie am nächsten Morgen nicht plötzlich gesund sein würde. Doch gerade deshalb wollte sie weiterhin leben, arbeiten und sichtbar bleiben.
Diese Worte bekommen rückblickend eine besondere Bedeutung.
Denn das Interview auf Amrum entstand nur wenige Wochen vor ihrem Tod. Barbara Rudnik starb am 20. Mai 2009 im Alter von 50 Jahren an den Folgen ihrer Krebserkrankung.
Damit wurde aus einem scheinbar gewöhnlichen Interview auf einer Nordseeinsel eines ihrer letzten dokumentierten Gespräche.
Und plötzlich erscheinen die Bilder von diesem sonnigen Tag in einem völlig anderen Licht.
Da ist eine Schauspielerin, die über eine Filmrolle spricht. Eine Frau, die von ihrer Anreise erzählt, von ihrer Schwester, ihrem Hund und dem schönen Wetter. Eine Schauspielerin, die sich über eine gute Zusammenarbeit mit einem Regisseur freut und über neue Arbeit nachdenkt.
Doch hinter all dem wusste sie längst, dass ihre Zeit begrenzt war.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihre Worte von Amrum bis heute nachwirken.
Barbara Rudnik wollte nicht als ihre Krankheit erinnert werden.
Sie wollte als Schauspielerin gesehen werden. Als Frau, die trotz aller Schwierigkeiten weiterarbeitete. Als Mensch, der einen sonnigen Tag auf Amrum genießen konnte und noch immer über die nächste gute Rolle nachdachte.
Und genau darin liegt die eigentliche Geschichte dieses Interviews: Nicht die Krankheit sollte am Ende über ihr Leben bestimmen – sondern ihre Entscheidung, bis zuletzt weiterzumachen.