Thomas Gottschalk war jahrzehntelang ein Mann, den man sich kaum anders vorstellen konnte als mitten im Rampenlicht. Bunte Kleidung, blonde Haare, schnelle Sprüche und eine Stimme, die Millionen Deutsche sofort erkannten. Für viele Zuschauer war er über Jahre hinweg ein fester Bestandteil des Fernsehens.
Doch irgendwann verändert sich selbst für die größten Fernsehstars die Welt um sie herum.
Die Menschen, die früher vor dem Bildschirm auf seine Shows warteten, werden älter. Eine neue Generation wächst heran, die mit seinen großen Fernseherfolgen kaum noch etwas verbindet. Und plötzlich muss sich ein Mann, der jahrzehntelang als Symbol für Unterhaltung und Jugendlichkeit wahrgenommen wurde, mit einer Frage beschäftigen, die niemand aufhalten kann: Was bedeutet es, älter zu werden?
2019 sprach Gottschalk darüber ungewöhnlich offen mit dem SPIEGEL. Damals stand sein 70. Geburtstag bevor. Doch anstatt sich vor dieser Zahl zu fürchten, begegnete er dem Thema mit jener Mischung aus Humor, Selbstironie und manchmal überraschender Offenheit, die ihn seit Jahrzehnten begleitet.
Besonders interessant war dabei, dass Gottschalk keineswegs versuchte, seine Vergangenheit künstlich festzuhalten.
Er wusste, dass seine große Zeit bei „Wetten, dass..?“ für viele Menschen längst Geschichte geworden war.
Eine neue Generation kannte ihn teilweise überhaupt nicht mehr.
Für einen Entertainer, der über viele Jahre zu den bekanntesten Gesichtern Deutschlands gehört hatte, könnte das schmerzhaft sein. Doch Gottschalk sah es erstaunlich gelassen. Wenn Zwölfjährige an ihm vorbeigingen, ohne ihn zu erkennen, könne er damit leben, erklärte er damals.
Bei 16-Jährigen sehe die Sache allerdings noch etwas anders aus.
Mit seinem typischen Humor erzählte er sogar von einer jungen Frau, die ihm nach einer Veranstaltung gesagt habe, sie finde ihn attraktiv und frage sich, warum er nicht ihr Großvater sein könne.
Dieser Satz zeigt ziemlich genau, wie Gottschalk mit seinem Alter umging.
Er wollte weder so tun, als wäre er noch 30, noch wollte er sich selbst plötzlich als alten Mann inszenieren.
Dabei hatte sich sein Leben bereits deutlich verändert.
Seine Karriere war nicht mehr dieselbe wie in den großen Jahren von „Wetten, dass..?“. Auftritte in anderen Fernsehsendungen, Werbeverträge und einzelne Projekte gehörten weiterhin zu seinem Alltag. Doch die Zeiten, in denen er praktisch automatisch das Zentrum einer großen Samstagabendshow war, waren vorbei.
Gottschalk schien das zu wissen.
Und trotzdem wollte er nicht einfach verschwinden.
Vielleicht war genau das der schwierigste Teil des Älterwerdens für einen Menschen, dessen Beruf jahrzehntelang von Aufmerksamkeit lebte.
Wenn Millionen Menschen einen kennen, kann man sich irgendwann daran gewöhnen. Wenn diese Aufmerksamkeit weniger wird, muss man lernen, damit umzugehen.
Gottschalk erklärte, dass er nie bewusst versucht habe, ein „Berufsjugendlicher“ zu sein. Das sei vielmehr eine Bezeichnung gewesen, die andere ihm gegeben hätten.
Auch seine Buchtitel passten zu dieser Haltung. Sie hießen „Herbstblond“ und „Herbstbunt“ – und nicht etwa „Forever Young“.
Doch dann wurde das Gespräch persönlicher.
Wann habe er zum ersten Mal bemerkt, dass er alt werde?
Seine Antwort war bemerkenswert.
Er habe keinen bestimmten Moment erlebt, an dem er plötzlich gedacht habe: Jetzt werde ich alt.
Vielmehr habe er irgendwann festgestellt, dass er es einfach sei.
Und genau diese nüchterne Feststellung war vielleicht ehrlicher als jedes Versprechen ewiger Jugend.
Gottschalk sprach darüber, dass es für ihn manchmal unangenehm sei, Ärzten oder Programmdirektoren gegenüberzustehen, die nur halb so alt seien wie er.
Gleichzeitig wollte er sich nicht zwanghaft jünger machen.
Er begann, auf bestimmte Dinge zu verzichten, die ihm körperlich nicht mehr angenehm waren. Wenn ein Auto so niedrig sei, dass er beim Aussteigen ächzen müsse, setze er sich eben nicht mehr hinein.
Doch Alter bedeutete für ihn nicht automatisch Verzweiflung.
Im Gegenteil: Er sagte, dass Älterwerden für ihn nicht mit Ernst, Verzweiflung oder Degeneration verbunden sei. Vielleicht sei er lediglich etwas sarkastischer geworden.
Das klingt zunächst locker.
Doch hinter dem Humor steckte ein Thema, das Gottschalk offenbar zunehmend beschäftigte: der eigene Körper.
Im SPIEGEL-Interview kam auch zur Sprache, dass er täglich mehrere Medikamente beziehungsweise Präparate einnahm. Darunter befanden sich laut seiner damaligen Aussage drei Blutdrucktabletten. Außerdem erwähnte er weitere Mittel, unter anderem im Zusammenhang mit Asthma und Haarwuchs.
Für jemanden, der ihn vor allem als energiegeladenen Showmaster kannte, war das eine ungewohnte Seite.
Denn auf der Bühne konnte Gottschalk weiterhin den Eindruck vermitteln, dass die Zeit keine große Bedeutung für ihn hatte.
Im privaten Leben war sie natürlich längst sichtbar.
Auch seine Haare wurden zum Thema.
Waren sie echt?
Gottschalk konnte darüber nur lachen. Seine Maskenbildnerin habe einmal eine Anfrage von jemandem bekommen, der das gleiche Toupet wie er haben wollte. Die Antwort war allerdings ernüchternd: Gottschalk trug gar keines.
Wieder einmal war der Humor seine Antwort auf das Älterwerden.
Doch es gab noch einen anderen Bereich, in dem die Veränderung sichtbar wurde: sein Gehör.
Gottschalk warb damals für Hörgeräte, obwohl er nach eigener Aussage selbst keinen gravierenden Hörverlust hatte. Die Firma habe bei ihm sogar einen Hörtest durchgeführt – mit einem Ergebnis, das für das Unternehmen offenbar nicht besonders praktisch war: Er war nicht schwerhörig.
Gottschalk machte daraus natürlich sofort einen Witz.
Er sei in einem Alter, in dem viele Menschen Hörgeräte eher benötigten als Trimmgeräte.
Und genau solche Bemerkungen machten deutlich, dass er seine neue Lebensphase nicht verleugnen wollte.
Er wollte sie nur nicht zu ernst nehmen.
Auch über sein Privatleben sprach er in dieser Zeit offener. Die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau Thea gehörte zu den Veränderungen, die sein Leben prägten. Gleichzeitig hatte sich mit Karina Mroß eine neue Beziehung in sein Leben entwickelt.
Damit war auch privat vieles anders als während der großen „Wetten, dass..?“-Jahre.
Vielleicht war deshalb ein Satz aus dem Gespräch besonders bemerkenswert.
Gottschalk sprach nicht einfach davon, dass er älter werde.
Er sprach über eine vergangene Epoche seines eigenen Lebens.
Eine Zeit, die er gelebt, geliebt und genossen habe.
Und dann kam die entscheidende Feststellung.
Diese Zeit sei vorbei.
Es war keine dramatische Klage und kein verzweifelter Versuch, die Vergangenheit zurückzuholen.
Es klang vielmehr wie eine nüchterne Bilanz eines Menschen, der sehr lange im Mittelpunkt gestanden hatte und nun akzeptierte, dass auch seine erfolgreichste Lebensphase irgendwann Geschichte wird.
Genau darin liegt vielleicht die überraschendste Seite seiner Aussagen.
Thomas Gottschalk versuchte nicht, das Älterwerden zu besiegen.
Er wollte auch nicht behaupten, dass sich nichts verändert habe.

Im Gegenteil.
Er sah die Veränderungen – körperlich, beruflich und privat.
Aber er wollte sich von ihnen offenbar nicht definieren lassen.
Die große Zeit von „Wetten, dass..?“ war vorbei. Eine Generation, die mit dieser Sendung aufgewachsen war, wurde älter, während jüngere Zuschauer andere Stars und andere Medien kennenlernten.
Gottschalk blieb trotzdem Gottschalk.
Mit seinem Humor, seinen Geschichten und seiner Fähigkeit, auch über unangenehme Themen zu lachen.
Und vielleicht war gerade das seine ungewöhnlichste Form des Umgangs mit dem Alter.
Denn am Ende ging es gar nicht darum, jünger auszusehen.
Es ging darum, sich selbst nicht zu verlieren, wenn sich die Welt verändert.
Und genau deshalb blieb ein Satz aus dem damaligen Gespräch besonders lange im Gedächtnis: Thomas Gottschalk machte deutlich, dass er eine Zeit seines Lebens erlebt hatte, die nicht zurückkommt. Er hatte sie gelebt, geliebt und genossen – aber sie war vorbei.
Vielleicht war das seine ehrlichste Aussage über das Älterwerden.
Nicht „Forever Young“.
Sondern die Bereitschaft, anzuerkennen, dass selbst die schönsten Zeiten irgendwann Vergangenheit werden – und dass man trotzdem weiterleben, weiterarbeiten und weiterhin über sich selbst lachen kann.