Jedes Jahr dasselbe Gesicht. Dieselbe Kamera. Dieselbe Frau. Und immer wieder dieselben Fragen. Was zunächst wie ein ungewöhnliches Fotoprojekt begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer der bemerkenswertesten fotografischen Beobachtungen über Angela Merkel.
Als die Fotografin Herlinde Koelbl 1991 zum ersten Mal vor der damals 37-jährigen Politikerin stand, konnte niemand wissen, welche Entwicklung vor dieser Frau lag. Merkel war zu diesem Zeitpunkt noch weit davon entfernt, die bekannteste Politikerin Deutschlands zu werden. Sie war erst seit kurzer Zeit Mitglied der CDU und gerade zur Bundesministerin für Frauen und Jugend ernannt worden.
Koelbl wollte jedoch nicht einfach berühmte Politiker fotografieren. Ihr Projekt „Spuren der Macht“ hatte eine ungewöhnliche Idee: Sie wollte beobachten, was jahrelange Verantwortung mit einem Menschen macht – nicht nur politisch, sondern auch körperlich und in der Körpersprache.
Dafür sollten Politiker und andere Persönlichkeiten über einen langen Zeitraum immer wieder vor dieselbe Kamera treten. Keine spektakuläre Kulisse, keine luxuriösen Büros und möglichst wenig Ablenkung. Stattdessen eine weiße Wand und der Mensch selbst.
Gerade bei Merkel sollte sich zeigen, wie interessant diese Methode war.
Auf dem ersten Foto wirkt die spätere Kanzlerin zurückhaltend. Ihre Hände liegen etwas unbeholfen auf ihrem Schoß, der Blick geht vorsichtig in Richtung Kamera. Es ist nicht das Bild einer Frau, die unbedingt im Mittelpunkt stehen möchte. Koelbl erinnerte sich später besonders an diese Zurückhaltung. Merkel habe damals nicht wie jemand gewirkt, der sein Ego vor der Kamera präsentieren wollte.
Doch dann begann etwas, das erst im direkten Vergleich der Jahre auffällt.
1993 war Merkel bereits Ministerin. Einige Jahre später hatte sich ihre Haltung verändert. Sie saß beziehungsweise stand nicht mehr so zurückhaltend vor der Kamera. Ihr Körper wirkte aufrechter, ihr Blick direkter. 1996 bemerkte Koelbl einen deutlichen Unterschied: Merkel habe nicht mehr so angespannt gewirkt, sondern selbstbewusster und gerader.
Interessant ist, dass Merkel selbst diese Veränderung offenbar ebenfalls wahrgenommen hatte.
Sie erzählte Koelbl, dass sie früher nicht wusste, wohin mit ihren Händen oder wie sie während einer Rede stehen sollte. Sie habe sich bewegt, von einem Bein auf das andere gewechselt und sich dabei unsicher gefühlt. Mit der Zeit habe sie gelernt, mit dieser Situation umzugehen.
Vielleicht war genau das eine der interessantesten Beobachtungen des gesamten Projekts: Macht zeigte sich nicht unbedingt durch ein Lächeln, eine teure Kleidung oder eine dramatische Geste. Manchmal war sie einfach daran zu erkennen, wie jemand dastand.
Koelbl stellte Merkel über Jahre hinweg immer wieder dieselben Fragen. Drei davon wurden schließlich zu einem festen Ritual: Was haben Sie in diesem Jahr gelernt? Was haben Sie verlernt? Und – vielleicht überraschend persönlich – hatten Sie Zeit, einen Pflaumenkuchen zu backen?
Gerade diese letzte Frage öffnete eine Tür in eine Seite von Merkel, die in der Öffentlichkeit nur selten sichtbar war.
Denn die Politikerin, über deren Entscheidungen Millionen Menschen diskutierten, sprach plötzlich über ganz alltägliche Dinge. Über Essen, Gewicht, ihr Privatleben und ihre Beziehung zu dem Wissenschaftler Joachim Sauer. Auch über ihre Kindheit und kleine persönliche Missgeschicke kamen im Laufe der Gespräche Details ans Licht.
Die Fotografien erzählten dabei ihre eigene Geschichte.
1991 war Merkel eine relativ unbekannte Politikerin, die offenbar nicht unbedingt Freude daran hatte, sich selbst vor einer Kamera zu präsentieren. Jahre später war daraus eine Frau geworden, die gelernt hatte, mit dem Blick der Öffentlichkeit umzugehen.
Und dann tauchte ein Detail auf, das später weltweit mit ihrem Namen verbunden werden sollte.
Heute ist die charakteristische Handhaltung von Merkel – die Hände vor dem Bauch, die Finger zu einer Art Raute geformt – sofort erkennbar. Doch die Fotografien von Koelbl zeigen, dass diese Geste schon Jahre vor ihrer späteren politischen Verwendung auftauchte.
1998 war die sogenannte „Merkel-Raute“ bereits auf unveröffentlichten Aufnahmen des Projekts zu sehen. Erst später wurde die Geste zu einem festen Bestandteil ihres öffentlichen Erscheinungsbildes und schließlich beinahe zu einem persönlichen Markenzeichen.
Doch vielleicht ist gerade das Überraschende an diesen Bildern, dass die Veränderung nicht so dramatisch aussieht, wie man erwarten könnte.
Merkel wurde nicht plötzlich zu einem völlig anderen Menschen. Vielmehr scheint sich ihre Haltung Schritt für Schritt verändert zu haben. Aus der zunächst zurückhaltenden Politikerin wurde eine Frau, die gelernt hatte, vor einer Kamera zu stehen, ohne ihre Unsicherheit sichtbar werden zu lassen.
Koelbl beschrieb Macht dabei nicht ausschließlich positiv. Wer über Jahre im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht, lernt nach ihrer Beobachtung auch, seine Gefühle weniger leicht ablesbar zu machen. Politiker würden gewissermaßen eine Maske entwickeln, weil jede Regung interpretiert werden könne.
Und Merkel musste diesen Umgang mit der Öffentlichkeit besonders lange beherrschen.
2005 wurde sie schließlich Deutschlands erste Bundeskanzlerin. Koelbl setzte ihr Projekt danach fort. Ein Jahr später nahm sie die regelmäßigen Porträts wieder auf. Die Bilder dokumentierten damit nicht nur eine politische Karriere, sondern auch die Entwicklung eines Menschen über einen außergewöhnlich langen Zeitraum.
Besonders bemerkenswert war für Koelbl, dass Merkel selbst nach politisch extrem anstrengenden Jahren äußerlich erstaunlich konstant wirkte. Als die Fotografin sie Anfang 2017 in Berlin besuchte, erwartete sie eigentlich, die Belastungen des vergangenen Jahres in ihrem Gesicht oder ihrer Haltung erkennen zu können.
Doch genau das geschah offenbar nicht.
Koelbl sagte, normalerweise könne man einem Menschen ansehen, wenn hinter ihm ein besonders anstrengendes Jahr liege. Bei Merkel habe sie jedoch keine grundlegende Veränderung feststellen können. Ihre Haltung sei gleich geblieben.
Und vielleicht liegt genau darin die größte Überraschung dieses ungewöhnlichen Projekts.
Denn die Aufnahmen zeigen nicht einfach, wie eine unbekannte Politikerin älter wird und Karriere macht. Sie zeigen, wie sich Körpersprache, Selbstsicherheit und öffentliche Identität langsam miteinander verbinden.
Auch die Beziehung zwischen Fotografin und Politikerin entwickelte sich über die Jahre. Koelbl wollte sie allerdings nicht als Freundschaft bezeichnen. Nach so langer Zeit sprach sie eher von gegenseitigem Respekt und einem gewissen Wohlwollen.
Merkel selbst hatte anfangs deutlich weniger Begeisterung für das Projekt gezeigt. Sie fand die wiederkehrenden Fragen zunächst sogar ziemlich lästig. Schließlich sollten die Bilder nicht am nächsten Tag in der Zeitung erscheinen, sondern über Jahre hinweg gesammelt werden.
Doch irgendwann änderte sich ihre Einstellung.
Sie begann sich offenbar selbst zu fragen, wann Koelbl wieder auftauchen würde.
Und genau hier liegt das vielleicht schönste Detail der gesamten Geschichte: Aus dem Projekt, das Merkel zunächst für unsinnig hielt, wurde schließlich etwas, an dem sie selbst festhalten wollte.
Die Fotografin hatte 1991 eine junge, eher zurückhaltende Politikerin vor ihrer Kamera. Mehr als zwei Jahrzehnte später stand dort eine Frau, deren Gesicht und Haltung Millionen Menschen kannten.
Doch die Fotos erzählen noch etwas anderes.
Sie zeigen, dass das Bild einer öffentlichen Person nicht an einem einzigen Tag entsteht. Es wird Jahr für Jahr aufgebaut – durch Blicke, Gesten, Körperhaltung und kleine Gewohnheiten, die irgendwann zu einem unverwechselbaren Teil der Identität werden.
Und deshalb bekommt auch die scheinbar nebensächliche Frage nach dem Pflaumenkuchen plötzlich eine andere Bedeutung.
Hinter der Politikerin, hinter der Kanzlerin und hinter der berühmten Geste blieb ein Mensch, der jedes Jahr vor dieselbe Kamera trat und sich denselben ungewöhnlichen Fragen stellte.
Das Erstaunlichste ist also vielleicht gar nicht, wie sehr sich Angela Merkel verändert hat.
Sondern wie früh auf diesen alten Fotografien bereits etwas zu erkennen war, das später zu ihrem unverwechselbaren öffentlichen Erscheinungsbild werden sollte: die Haltung, der Blick – und schließlich jene berühmte Handgeste, die auf den Bildern schon Jahre vor ihrer großen politischen Karriere auftauchte.
